Der digitale Klimawandel kommt

Digitalen Medien und Plattformen sind für viele noch ein Buch mit sieben Siegeln, für andere ein fester Bestandteil des Alltags, der auch im Wissenserwerb eine Rolle spielen sollte.
Digitalen Medien und Plattformen sind für viele noch ein Buch mit sieben Siegeln, für andere ein fester Bestandteil des Alltags, der auch im Wissenserwerb eine Rolle spielen sollte.REUTERS

Durch ein Mehr an Ausbildung sollen ein Mehr an Wissen über digitale Medien und Rüstzeug für den Umgang mit Fake News und Big Data vermittelt werden.

Es war ein Schüler, der für den sogenannten Riesenhack in Deutschland verantwortlich ist. Um persönliche Daten Prominenter bis hinauf zur Kanzlerin als Adventkalender zu veröffentlichen, brauchte der 20-Jährige nicht einmal eine spezielle IT-Ausbildung. Auch wenn dem Schüler nun negative Konsequenzen drohen, dürften computeraffine junge Menschen insgesamt zu den Profiteuren des Phänomens zählen, das als digitaler Klimawandel bezeichnet wird – der Veränderung des beruflichen und sozialen Lebens durch die Digitalisierung. Andere – vor allem Ältere – befürchten hingegen, von der Flut an neuen Anforderungen überschwemmt zu werden, die dieser Wandel mit sich bringt. Ein Paradigmenwechsel, der nach Maßnahmen in der Bildungspolitik schreit.

„In puncto Digitalisierung muss man der Politik ein positives Zeugnis ausstellen. Es gibt sehr kluge Initiativen. Aber es ist zu wenig und zu wenig intensiv“, sagt Heinz Fischer, Vorsitzender des Departments Medien & Design der FH Joanneum.

 

Bedarf bei Jugendarbeit

Abgesehen vom Schul- und Hochschulbereich sei ein Bedarf an Medien- und Digitalisierungskompetenz überall dort gegeben, wo mit Kindern und Jugend gearbeitet werde, etwa in der Sozialarbeit, der Kinder- und Jugendpsychologie, Sozialpädagogik, Museumspädagogik und Kulturarbeit, in Beratung und Coaching. Aber auch Trainer in der Erwachsenenbildung seien mit der zunehmenden Nutzung digitaler Medien konfrontiert. „Ein Beispiel ist die Bedeutung visueller Kommunikation, etwa über YouTube, Facebook, Instagram. Sie ist laut Studien ganz stark im Steigen.“

Das von Fischer geleitete Institut für Journalismus und Public Relations der FH Joanneum will mit einem neuen Weiterbildungsangebot dazu beitragen, die Medienkompetenz in den angesprochenen Zielgruppen zu heben. Ab Herbst 2019 wird ein dreisemestriger, berufsbegleitender Masterlehrgang für Medienkompetenz und Digital Literacy angeboten. Das Kernteam des Lehrgangs bilden Lehrende des Instituts, die über Fachkompetenz und internationale Erfahrung in Bereichen wie Öffentliche Kommunikation, Web Literacy oder Innovative Lernszenarien verfügten, sagt Fischer. Dazu kämen Experten der Universität Salzburg, eine Lehrerin sowie Vertreter von Jugend- und Kulturverbänden.

Immer relevanter wird Medienkompetenz naturgemäß für Pädagogen. Das Angebot an medienpädagogischen Ausbildungen beschränkt sich jedoch in Österreich auf Vertiefungen, Schwerpunkte und einzelne Lehrveranstaltungen vor allem im Rahmen von Studien der Bildungs- und Kommunikationswissenschaft – etwa in Wien, Salzburg und Klagenfurt.

An der Pädagogischen Hochschule Wien wird seit Beginn dieses Studienjahrs erstmals ein Masterstudium für Medienpädagogik für Lehrende an Berufsschulen und berufsbildenden Schulen angeboten.

An der Universität Innsbruck besteht das einzige Lehramtsstudium für die Sekundarstufe an allgemeinbildenden Schulen, das eine Spezialisierung in Medienpädagogik vorsieht. Die medienpädagogische Spezialisierung im Bachelorstudium werde von den Studierenden sehr gut angenommen, sagt Theo Hug, der für den Schwerpunkt Medienpädagogik und Kommunikationskultur zuständig ist. Die Spezialisierung wird von den meisten Studierenden zusätzlich zu zwei Unterrichtsfächern gewählt. „Der Bedarf ist unbestritten, und die Überlegung, durch die medienpädagogische Spezialisierung Medienbildungsprozesse in differenzierter und umfassender Weise zu fördern, ist heute wichtiger denn je. Auch die Idee, medienkompetente Leute mit speziellen Kenntnissen in Schulen zu haben, die die Kollegen beraten und unterstützen und auch medienbezogene Schulentwicklungsprojekte begleiten, wird vielerorts sehr begrüßt.“

 

Digitale Kompetenzen anerkennen

Vor allem halte jedoch die Arbeit mit den Schülern unzählige medienpädagogische Einzelprobleme bereit. Die Kluft zwischen Lehrpersonen, die selbst einer Generation angehörten, in der Schulwissen im Wesentlichen mit buchkulturellen Besonderheiten assoziiert wird, und Schülern, die durch andere kulturelle Ressourcen geprägt sind, kann laut Hug durchaus überwunden und produktiv genutzt werden. Bekämen Schüler die Möglichkeit, ihre Kompetenzen in den schulischen Unterricht einzubringen, könnten Medienkompetenzen weiterentwickelt werden und Anregungen auch zur Verbesserung des schriftlichen und verbalsprachlichen Ausdrucks gegeben werden – zum Beispiel bei der Präsentation von Fotoaufnahmen, die mit dem Handy gemacht wurden. „Wenn es aber undenkbar ist, dass eine Hausaufgabe auch einmal mit Handyunterstützung gemacht werden kann, oder wenn die vorhandenen Medien- und Bildkompetenzen keinerlei Wertschätzung erfahren und die medialisierten Sozialisationsbedingungen der Schüler einfach ignoriert werden, dann werden jene, die sich mit Lesen, Schreiben und Rechnen eher schwertun, kaum zur Einsicht kommen, dass auch Letzteres zur Orientierung in der Welt und zur Gestaltung bejahenswerter Lebensperspektiven bedeutsam ist.“