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Lungenärzte zweifeln an Gesundheitsrisiko durch Dieselabgase

Qualmender Autoauspuff *** Smoke Car Exhaust
imago/Christian Ohde
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Rund 100 deutsche Ärzte haben einen Protestbrief unterzeichnet: Für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid gebe es keine wissenschaftliche Begründung, heißt es darin.

Ein Protestbrief liefert den Gegnern von Diesel-Fahrverboten in Deutschland neue Argumente. In dem Schreiben bezweifeln mehr als hundert deutsche Lungenspezialisten den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid. Sie sehen derzeit keine wissenschaftliche Begründung, die die konkret geltenden Werte rechtfertigen würden, wie es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme heißt.

Die Fachleute stellen sich damit gegen ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), das Ende 2018 veröffentlicht worden war. Darin hieß es: "Studien zeigen, dass die Feinstaub-Belastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist."

Ärztegruppe: Studien zeigen Schwächen

Viele Studien, die Gefahren durch Luftverschmutzung zeigen sollen, zeigen erhebliche Schwächen, kontert nun die Ärztegruppe rund um den früheren DGP-Präsidenten Dieter Köhler. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden. Die Lungenärzte fordern, dass die Grenzwerte ausgesetzt und relevante Untersuchungen neu bewertet werden.

Nun heißt es von der DGP, der Deutschen Lungenstiftung und dem Verband Pneumologischer Kliniken (VPK), die aktuelle Stellungnahme werde "als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub" betrachtet.

Das Papier wurde an 3800 DGP-Mitglieder verschickt, 113 Fachleute haben unterschrieben. "Die Liste zeigt, dass die Gruppe der Forscher und Lungenärzte, die der aktuell vorherrschenden Position widersprechen, deutlich größer ist als angenommen", schreiben DGP, VPK und Lungenstiftung.

Grenzwerte gelten seit 2010

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) - der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten - gelten in der EU seit 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch für Feinstaub gibt es je nach Partikelgröße Grenzwerte. An Orten, wo Grenzwerte über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen zum Beispiel Fahrverbote für Autos mit besonders hohem Schadstoffausstoß.

Experten haben berechnet, dass Tausende Menschen vorzeitig an Folgen von Luftverschmutzung sterben - laut Umweltbundesamt im Jahr 2014 etwa 6000 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur EEA aus dem Jahr 2017 gibt es in Deutschland zudem rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft. Solche Ergebnisse beruhen in der Regel aber auf statistischen Analysen - sie sagen wenig aus über gesundheitliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen für einzelne Menschen.

Minister fordert "Sachlichkeit und Fakten"

Der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer hält die Zweifel der mehr als hundert Lungenexperten für wichtig. "Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden", sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Initiative helfe mit, "Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen".

Auch der ADAC hat eine Überprüfung gefordert. "Wenn Bürger von Fahrverboten betroffen sind, müssen sie sich darauf verlassen können, dass die geltenden Grenzwerte wissenschaftlich begründet sind", sagte der Vizepräsident des Automobilclubs, Ulrich Klaus Becker, am Mittwoch in München. Die EU-Kommission müsse die wissenschaftliche Grundlage ihrer Grenzwerte rasch unter die Lupe nehmen. "Dies muss Gegenstand des Prüfauftrags für die Luftqualitätsrichtlinie sein, der im Arbeitsprogramm 2019 der EU-Kommission enthalten ist."

Greenpeace: "Kein Grund, zu zweifeln"

"Es gibt keinen Grund, an diesen wissenschaftlichen Einschätzungen zu zweifeln, auch wenn einzelne Lungenärzte anderer Meinung sind", sagte dagegen Adam Pawloff von Greenpeace in Österreich. Die europäische Umweltpolitik orientiere sich am Vorsorgeprinzip. "Um die Gesundheit von Kindern, älteren und kranken Menschen zu schützen, müssen wirksame Maßnahmen getroffen werden, damit die bestehenden Grenzwerte nicht überschritten werden", sagte Pawloff.

(APA/dpa/AFP)