Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Bawag verkauft Familiensilber

Bawag verkauft Familiensilber
Bawag(c) Die Presse
  • Drucken

Der Finanzinvestor Cerberus hat sich mit dem Kauf der einstigen Gewerkschaftsbank verspekuliert: 3,2 Milliarden Euro hat er für das Institut hingelegt. Nun ist es nicht einmal ein Viertel wert.

Für kommenden Mittwoch hat Generali-Österreich-Chef Luciano Cirina zur Pressekonferenz eingeladen. Offizielles Thema ist die Bekanntgabe des Vorjahresergebnisses. Laut der „Presse am Sonntag“ vorliegenden Informationen will Cirina auch einen wichtigen Zukauf bekannt geben. Ihm ist es gerade gelungen, der Bawag ein 25-prozentiges Aktienpaket an der „Bawag PSK Versicherung“ abzukaufen. Generali-Sprecher Josef Hlinka bestätigt dies auf Anfrage: „Die Generali bringt mit der nunmehrigen Erhöhung ihres Anteils auf 74,9 Prozent ihr starkes Vertrauen in die weiterhin positive Entwicklung dieses Unternehmens zum Ausdruck.“ Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Dem Vernehmen nach geht es um einen mittleren bis höheren zweistelligen Millionenbetrag. Die Bawag, die seit Jahren Verluste schreibt, kann jeden Cent brauchen. Dank des Versicherungsdeals dürfte sich heuer ein Gewinn ausgehen.

Für die Generali ist die Bawag von strategischer Bedeutung. Denn mehr als die Hälfte der Lebenspolizzen werden über den Bankschalter verkauft. Fast jede Assekuranz versucht daher, mit einem Kreditinstitut zu kooperieren. Die Wiener Städtische arbeitet mit der Erste Bank zusammen, die Bank Austria und die Volksbanken mit der deutschen Ergo Versicherungsgruppe. Und die Uniqa ist Partner von Raiffeisen. Die Banken kassieren für den Vertrieb von Versicherungen hohe Provisionen. Es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr.


Versicherung am Postschalter. Die Generali hat der Bawag schon im September 2007 die Hälfte an der Bawag PSK Versicherung abgekauft, nun wird der Anteil auf 74,99 Prozent aufgestockt. „Presse“-Informationen zufolge wurde vereinbart, dass die Generali das Unternehmen mittelfristig zu 100 Prozent übernehmen wird. Generali-Sprecher Hlinka kommentiert dies nicht.

Die Bawag PSK Versicherung, die ihre Produkte nicht nur in den Bankfilialen, sondern auch in den Postämtern anbietet, kam zuletzt mit 350.000 Verträgen auf Prämieneinnahmen von 217 Millionen Euro.

Der Kaufpreis richtet sich meist nach der Höhe des Prämienvolumens. So zahlte beispielsweise die Wiener Städtische der Erste Bank für die Übernahme des Versicherungsgeschäfts das 1,2-Fache der Prämienerlöse. Demnach wäre die Bawag PSK Versicherung 260 Millionen Euro wert.

Die Trennung von der Tochter wirft ein Schlaglicht auf den Zustand der Bawag. Der US-Finanzinvestor Cerberus hat sich mit der ehemaligen Gewerkschaftsbank verspekuliert. Cerberus übernahm die Bank mit einigen Minderheitsaktionären (die Österreichische Post, Generali, Wüstenrot und Ex-Finanzminister Hannes Androsch halten in Summe zehn Prozent an der Bawag) am 15. Mai 2007 für 3,2 Milliarden Euro. Doch dann kam die Finanzkrise. Im Vorjahr schossen die Eigentümer 200 Millionen Euro nach. Zudem bekam die Bawag 550 Millionen Euro öffentliches Kapital. Dafür muss das Institut dem Staat jährlich 9,3 Prozent an Zinsen zahlen.


Wert ist geschrumpft. Wie stark der Wert der Bank gesunken ist, zeigt der Geschäftsbericht der österreichischen Post. Diese ist gemeinsam mit Cerberus bei der Bawag eingestiegen. 2008 und 2009 sah sich die Post gezwungen, ihr Bawag-Aktienpaket in der Höhe von fünf Prozent abzuwerten. Allein im Vorjahr gab es eine Wertkorrektur um 20 Millionen Euro auf 36,4 Millionen Euro. Hochgerechnet auf 100 Prozent würden die Eigentümer bei einem Verkauf der Bawag derzeit nur noch 728 Millionen Euro einnehmen.

Was Cerberus mit der Österreich-Tochter vorhat, ist unklar. Laut Vertrag mit dem Gewerkschaftsbund können die Amerikaner frühestens 2012 aussteigen. In der Vergangenheit haben Cerberus-Vertreter betont, die Bawag verkaufen oder an die Börse bringen zu wollen. Doch seit zwei Jahren hat es vom US-Investor keine Äußerung mehr gegeben, wohin die Reise gehen wird. Das Schweigen dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Amerikaner einen Teil der Bawag-Aktien längst verpfändet haben. Dem Vernehmen nach sollen sich US-Institute wie Goldman Sachs, die Citigroup und einige europäische Investmentbanken Zugriff auf die Ex-Gewerkschaftsbank gesichert haben. Mitte März wurde bekannt, dass ein Teil der Bawag-Aktien sogar bei der in die Pleite geschlitterten US-Investmentbank Lehman Brothers gelandet sind.

Dem Vernehmen nach soll kein Gesellschafter indirekt mehr als zehn Prozent halten, sonst müsste die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) informiert werden. Faktum ist, dass Cerberus die Bawag-Anteile nach der Übernahme in die niederländische Promontoria Sacher Holding eingebracht hat. Dort verlieren sich die Spuren. Cerberus gilt als verschwiegen. Die Gesellschaft weigert sich seit Jahren, Ergebniszahlen zu veröffentlichen. Im Vorjahr ist durchgesickert, dass einige Eigentümer (wie US-Pensionsfonds und Versicherungen) Milliardenbeträge abziehen wollten. Viele Engagements von Cerberus haben sich als Fehlgriffe erwiesen. Größtes Debakel war der Kauf des US-Autokonzerns Chrysler. Allerdings wurde von Cerberus stets versichert, dass die Chrysler-Insolvenz nicht existenzbedrohend sei. Eine weitere Cerberus-Tochter, die US-Finanzfirma GMAC, musste mit Milliardenbeträgen vom amerikanischen Steuerzahler gerettet werden.

Dem Vorstand der Bawag bleibt nichts anders übrig, als am Turnaround zu arbeiten. Im Vorjahr konnte der Nettoverlust von 547,5 Millionen Euro auf 22,2 Millionen Euro reduziert werden. In aller Stille hat das Institut damit begonnen, sich von ausländischen Töchtern, über die riskante Geschäfte abgewickelt wurden, zu trennen. Im Vorjahr wurden die „Bawag International Finance“ mit Sitz in Irland und die „Vindobona Gamma S.a.r.l.“ in Luxemburg liquidiert. Auch aus der britischen Steueroase Jersey wurde der Rückzug angetreten. Geschlossen wurden „Bawag PSK Jersey Auto Finance“ , die „Auto Finance Jersey I“ und die „Auto Finance Jersey II“. Spekulationen, dass der Rückzug auf Druck der Finanzmarktaufsicht geschehen ist, werden dementiert.

Das Bawag-Management muss sich nun um die Verbesserung des operativen Geschäfts kümmern: Denn das Familiensilber ist so gut wie weg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)