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Finnlands verschenktes Geld

Wirklich schlauer ist Helsinki aus dem halbherzigen Versuch, das Grundeinkommen zu erproben, nicht geworden.
Wirklich schlauer ist Helsinki aus dem halbherzigen Versuch, das Grundeinkommen zu erproben, nicht geworden.(c) robertharding/picturedesk.com

Das skandinavische Land hat das bedingungslose Grundeinkommen an Jobsuchenden getestet. Sie wurden zwar glücklicher, fanden aber entgegen der Hoffnung nicht leichter Arbeit.

Stockholm. Kaum eine andere Frage ist so von politischem Wunschdenken geprägt und spaltet die Links/Rechts-Lager so wie das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Bürgerlohn könnte den Sozialstaat und gängige Prinzipien vom Fördern und Fordern grundlegend umkrempeln. Bislang gab es jedoch kaum wissenschaftlich sichere Erkenntnisse über das Verhalten von Individuen auf dem Arbeitsmarkt bei der Auszahlung eines bedingungslosen Gehalts. Aus Finnland liegen erste Ergebnisse vor.

Ausgerechnet Finnlands bürgerlicher Ministerpräsident und Ex-Großunternehmer Juha Sipilä hat dafür gesorgt, dass 2000 zufällig ausgewählten arbeitslosen Finnen zwischen 25 und 58 zwei Jahre lang steuerfrei 560 Euro im Monat ausgezahlt wurden. Ohne Abstriche kamen Zusatzleistungen wie Kindergeld und, falls die Arbeitslosen eine Arbeit fanden, auch noch das Gehalt hinzu. So sollten den Arbeitslosen auch schlecht bezahlte Jobs schmackhaft gemacht werden, aus denen sich vielleicht später eine gute Anstellung entwickelt. Zudem könnte langfristig der teure staatliche Kontrollapparat für Sozial- und Arbeitslosenhilfeempfänger abgeschafft werden.

Die 2000 Empfänger des finnischen Bürgerlohns wurden mit einer Kontrollgruppe von Arbeitslosen verglichen, die klassisch an zahlreiche Bedingungen und Einschränkungen geknüpfte Arbeitslosenunterstützung erhielten.

Gesunde und stressfreie Jahre

Die erste Bilanz fällt eher durchwachsen aus. 43,7 Prozent der Teilnehmer am Experiment fanden eine Beschäftigung. Der Anteil in der Kontrollgruppe, also bei Arbeitslosen, die ohne Zusatzgeld vom Staat auskommen mussten, ist etwa gleich hoch. Die Regierung hatte allerdings gehofft, dass Empfänger des Grundeinkommens beim Finden von Arbeit deutlicher über den normalen Arbeitslosen liegen würden. Insofern war das Experiment eine Enttäuschung.

Gleichzeitig erlebten die Studienteilnehmer aber einen deutlich höheren Grad an Wohlbefinden und Selbstvertrauen als die gewöhnlichen Arbeitslosen. „Sie hatten weniger Stresssymptome, weniger Konzentrationsschwierigkeiten und weniger gesundheitliche Probleme. Sie sahen die Zukunft und ihr eigenes Vermögen, diese zu gestalten, viel optimistischer", sagt Minna Ylikännö von der finnischen Versicherungsanstalt. Von anderen Studien ist bekannt, dass Arbeitslose mit wenig Selbstvertrauen häufig psychische Probleme bekommen und dann umso schwerer wieder auf die Beine kommen.

„Das Grundeinkommen zu erhalten war wie aus dem Gefängnis zu kommen", beschreibt es Juha Järvinen der Zeitung „DN". „Dank des Bürgerlohns habe ich mich überhaupt erst getraut, ein Café in Helsinki aufzumachen", sagt Sini Marttinen. Im Grunde sei das bedingungslose Einkommen nur das, was die Kinder von Reichen dank ihrer Herkunft schon immer bekamen. Auch einfache Leute sollten es erhalten können, um ihre Geschäftsideen und Lebensentwürfe verwirklichen zu können, argumentieren Befürworter.

„Unsere Resultate entsprechen jenen von ähnlichen Experimenten in den USA und Kanada", so Forschungsleiter Olli Kangas. Eigentlich hatte der Experte darauf gehofft, eine größere Gruppe mit einem höheren Grundeinkommen testen zu können. „560 Euro und 2000 Personen sind eigentlich zu wenig", sagt Kangas.

Halbherziges Experiment

Grundsätzliche Schlüsse auf die Sinnhaftigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens lassen sich aus dem finnischen Beispiel nicht ziehen. Denn das Land hat ein Grundprinzip aus Geldgründen ganz weggelassen. Eigentlich sollten auch Bürger das Grundeinkommen erhalten, die nicht arbeitslos sind. Immerhin sei der Umfang des Experiments aber doch groß genug gewesen, um daraus lernen zu können, so Kangas. Zu seinen ersten Messresultaten sagt er etwas zynisch: „Diejenigen, die ohnehin gegen das Grundeinkommen sind, können zufrieden sein, genauso wie diejenigen, die ohnehin für das Grundeinkommen sind." Finnlands Regierung kann sich vorstellen, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. „Wir haben bald Wahlen. Die nächste Regierung muss das entscheiden. Aber eine Möglichkeit ist der Bürgerlohn in irgendeiner Form", sagte Sozialministerin Pirkko Mattila.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2019)