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Forscher bieten Stammtischparolen die Stirn

Mythos erhöhte Kriminalität: Die Kriminalitätsentwicklung ist in Österreich durch einen nahezu stetigen Rückgang der absoluten Zahl an polizeilich registrierten Straftaten gekennzeichnet - auch im Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise.
Mythos erhöhte Kriminalität: Die Kriminalitätsentwicklung ist in Österreich durch einen nahezu stetigen Rückgang der absoluten Zahl an polizeilich registrierten Straftaten gekennzeichnet - auch im Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise.(c) APA/dpa/Andreas Gebert (Andreas Gebert)
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Sozialwissenschaften. Ein neuer Sammelband nimmt siebzehn tendenziöse Aussagen über Migration, die sich in den letzten Jahren ihren Weg in den medialen und politischen Diskurs gebahnt haben, ins wissenschaftliche Kreuzverhör.

Kennen Sie diese schon? „Die meisten Migranten sind Wirtschaftsflüchtlinge, die gekommen sind, um unser Sozialsystem auszunutzen.“ Oder diese: „Migranten haben alle Großfamilien und sind schuld an der steigenden Kriminalität.“ Stammtischparolen zu Migration und Integration sind längst flügge geworden und haben sich in der medialen Öffentlichkeit eingenistet.

Politiker erreichen heute ihre potenzielle Wählerschaft hauptsächlich über die Massenmedien. Als Konsequenz dieser Art der Kommunikation sind Botschaften, die kurz und prägnant sind, im Vorteil. Der Soziologe Max Haller von der Universität Graz hat einen Sammelband herausgegeben, in dem siebzehn der im öffentlichen Diskurs herumschwirrenden Stehsätze zu Migration und Integration auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit abgeklopft werden („Migration und Integration. Fakten oder Mythen?“, 294 S., 18,90 Euro, VÖAW).

 

Weniger Drama, mehr Wissen

Die Autoren stellen den populistischen Thesen wissenschaftliche Studien und Fakten (u. a. siehe Kasten) sowie deren Interpretation gegenüber. Am Beispiel der Sozialleistungen für Geflüchtete zeigt sich die Komplexität der Thematik, die auch die Forschung herausfordert, wie Franz Prettenthaler und Christoph Neger in ihrem Beitrag zeigen. So kommen zwei jüngere Studien zu den gegensätzlichen Erkenntnissen, dass Asylzuwanderung erhebliche Belastungen für den Staatshaushalt bringe bzw. einen positiven Beitrag für das Steuer- und Sozialsystem leiste. Grund dafür sind verschiedene Basisdaten und Berechnungsansätze. Im Buch werden diese und andere Studien zusammengeführt. Das Fazit liest sich schließlich unaufgeregt: Der Effekt von Zuwanderung von Geflüchteten sei weniger dramatisch als oft angenommen.

Mit dem Thema Kriminalität beschäftigen sich Walter Fuchs und Arno Pilgram. Sie ackern sich für ihren Beitrag penibel durch allerlei Polizeistatistiken. Das Resümee ihrer Faktenprüfung zeigt, dass der Anteil von Nichtösterreichern an allen polizeilich registrierten Tatverdächtigen in den letzten Jahren deutlich steigt – und zwar im Ausmaß der Zuwanderung und grenzüberschreitenden Mobilität. Eine Zunahme der angezeigten Straftaten hat das nicht zur Folge.

Haller identifiziert in dem Zusammenhang verschiedene problematische Strategien von Medien und Politik. Dazu gehören die selektive Auswahl einzelner Daten sowie die Präsentation von Teil- oder Halbwahrheiten. Auch durch die Erfindung von vereinfachenden Schlagwörtern, wie etwa dem häufig genutzten Begriff „Wirtschaftsflüchtling“, verfestigen sich Stereotype und Vorurteile in der Öffentlichkeit. Tun sie das so stark, dass sie selbst von politisch interessierten und informierten Menschen als selbstverständliche Begriffe und Thesen angesehen werden, entstehen sogenannte politische Mythen. Diesen wolle das Buch, so Haller, entgegenwirken.

IN ZAHLEN

12 Prozent der Geflüchteten flohen wegen der wirtschaftlichen Lage.

5,2 Prozent der Mütter der ersten und 2,4 Prozent der Mütter der zweiten Migrationsgeneration haben vier oder mehr Kinder (Eltern ohne Migrationshintergrund: 1,7 Prozent).

61 Anzeigen pro 1000 Einwohner wurden 2016 im Jahr der „Flüchtlingskrise“ registriert. Zum Vergleich: 2002 waren es 73.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2019)