Jonathan Lethem: Am wilden Rand der Gesellschaft

Lethem lässt wieder ermitteln: Sein Detektiv ist so unorthodox wie jener im Bestseller „Motherless Brooklyn“.
Lethem lässt wieder ermitteln: Sein Detektiv ist so unorthodox wie jener im Bestseller „Motherless Brooklyn“.(c) © Keke Keukelaar 2009

Kinderhandel, Drogen und Faustrecht regieren Kaliforniens Hinterland. Perfekte Bedingungen für den skurrilen Krimi „Der wilde Detektiv“ – und eine Abrechnung mit Trumps Amerika.

Wie viel Seriosität darf man von einem Privatdetektiv erwarten, der inmitten von Tattoostudios und Trailerparks residiert, eine erstarrte rote Lederjacke wie seine zweite Haut trägt und ein Opossum mit Harnwegsinfektion in der Schreibtischschublade pflegt? Wenig, denkt sich Phoebe Siegler, als sie ihn beauftragt, die 18-jährige Ausreißerin Arabella wiederzufinden. Aber sie war schließlich gewarnt worden: Dieser Detektiv sei zwar bei der Suche vermisster Kinder höchst effizient, auch dann, wenn die Behörden längst aufgegeben haben – aber eben etwas unkonventionell.

Damit passt Jonathan Lethems titelgebender Protagonist, der „wilde Detektiv“ Charles Heist, ausgezeichnet in das raue kalifornische Hinterland, in dem der Roman spielt. Hier, wo die Ausläufer der Metropole Los Angeles in die Mojave-Wüste übergehen, kommt man her, um verloren zu gehen. Das zieht Aussteiger, ganze Hippiestämme, Motorradgangs, buddhistische Jünger auf dem Pfad der Erleuchtung und Exhäftlinge mit langen Sündenregistern an. Konventionell ist hier kaum einer – und die meisten sind auch nicht gerade ungefährlich.


Trump und seine Männer.
Aber in einer Lebenskrise ist man nicht so wählerisch. Phoebe hat soeben im Schock über die Wahl Donald Trumps ihren Job bei der „New York Times“ hingeschmissen. Jetzt braucht sie eine Aufgabe, ein Ziel. Das Verschwinden der Tochter ihrer Freundin bietet sich zeitlich gut an – und an der Seite dieses schweigsamen Detektivs fühlt sie sich in besserer Gesellschaft als zu Hause an der Ostküste, wo ein weißer reaktionärer Mann das Land gerade an die Wand fährt.

Also machen sich die beiden auf, Arabella zurückzuholen. Die Suche führt sie in eine Gegend, wo Kinderhandel, Drogen und Stammesfehden zum Alltag gehören. Es ist ein skurril-düsterer Trip in die Wüste, auf den der US-Autor Jonathan Lethem den Leser in seinem elften Roman mitnimmt. Wie schon in „Motherless Brooklyn“, mit dem ihm 1999 der Durchbruch gelungen ist, steht wieder ein unkonventioneller Ermittler im Mittelpunkt. Doch wie damals greift die Punzierung „Krimi“ viel zu kurz.

Lethem, der als Nachfolger des verstorbenen David Foster Wallace am südkalifornischen Pomona College kreatives Schreiben unterrichtet, zeigt, was er kann. Er spielt mit den Literaturgattungen – und dem Leser. Dieser sollte sich auf das Spiel einlassen und sich von der Großstadtneurotikerin und ihrem einsamen Cowboy an diesen Ort mitnehmen lassen, an dem auf bissige Art mit den Trump-Wählern, der #MeToo-Debatte, Gentrifizierung, Klimawandel und all den selbst auferlegten Normen abgerechnet wird. Es ist ein Showdown aus der Wüstenperspektive. Hier, wo eben manchmal Blut fließt und Dinge schiefgehen, schimpft es sich freier. Und mit Phoebe Siegler hat sich Lethem ein zynisch-witziges, wenn auch überspanntes Sprachrohr für seine Kritik an den heutigen Zuständen ausgedacht.

Im Lauf der Geschichte wird allerdings bald klar: Hier geht es nicht um die Suche nach einem ausgerissenen Teenager. Oder gar um einen schönen Spannungsbogen, den man sich von einer klassischen Detektivgeschichte erwarten würde. Hier werden die Zwischenräume und die wilden Ränder der kalifornischen Gesellschaft vermessen. Lethem begibt sich dabei bewusst auf die Spuren der großen US-Journalistin Joan Didion. Sie war es, die in ihren Essays und Reportagen der 1960er und 1970er den kalifornischen Zeitgeist und Wahn – mitsamt seinen Verrückten, Einsamen und Wütenden – unter die Lupe genommen hat.


Schrille Provinz.
So fein wie in Didions Reportagen sind die soziokulturellen Pinselstriche nicht gezogen, Lethem trägt die Linien in seinen Bildern aus der kalifornischen Provinz lieber eine Spur dicker, schriller und leuchtender auf. Das kann man mögen. Es schadet der rasanten Fabel über das heutige Amerika jedenfalls nicht. Am besten ist sie dennoch an den ruhigen Stellen. Dann versteht man, wieso manche es vorziehen, an diesem wilden Rand der Zivilisation verloren zu gehen – und es auch zu bleiben.

Neu Erschienen

Jonathan Lethem
„Der wilde Detektiv“

Übersetzt von
Ulrich Blumenbach
Tropen Verlag
335 Seiten
22,70 Euro