Joachim Kühn: Wunderliche Melodien am Ende der Welt

Joachim Kühn: „Melodic Ornette Coleman – Piano Works XIII“
Joachim Kühn: „Melodic Ornette Coleman – Piano Works XIII“(c) Act Records

KritikDer deutsche Jazzpianist hat lange mit dem Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman gearbeitet. Nun interpretiert er Melodien, die dabei entstanden sind. Dazu den Klassiker „Lonely Woman“ gleich zweimal.

„I heard the future and I didn't like it“: Mit diesem galligen Spruch reagierte der New Yorker Hipster Mike Harrington auf die Ankunft Bob Dylans in Greenwich Village 1964. Er übersah, dass der von ihm geliebte Jazz als Unterhaltungsmusik damals durch innere Kräfte gefährdet war. Vor allem durch Don Cherry und Ornette Coleman. Der eine spielte eine Kindertrompete, der andere ein Plastiksaxofon. Free Jazz nannte man die vitale Grenzerweiterung, die der unverhohlenen Melodie im Jazz den Garaus machte. Im Alter sollte Ornette Coleman doch wieder auf sie zurückkommen: Unvergessen, wie versonnen er bei seinem allerletzten Österreich-Auftritt beim Jazzfestival Saalfelden völlig undekonstruiert kleine Melodien zelebrierte . . .

Pianist Joachim Kühn, in Leipzig ausgebildet, 1966 aus der DDR geflüchtet, hat viel mit dem großen, 2015 gestorbenen Ikonoklasten gespielt. 1996 erschien „Colors“, der Livemitschnitt eines Duo-Konzerts der beiden konträren Charaktere. Nun erinnert sich Kühn auf dem Album „Melodic Ornette Coleman – Piano Works XIII“ an die Zusammenarbeit: In den liner notes erzählt er von etwa 170 kleinen Stücken, die er mit Coleman komponiert hat. Nach dessen Willen waren diese Miniaturen nur für den einmaligen Gebrauch bestimmt. Nach den Konzerten sollten sie nie mehr gespielt werden.

Darüber hat sich der auch schon 75-jährige Kühn hinweggesetzt. Gottlob, möchte man sagen. Die zwischen zwei und vier Minuten dauernden Kompositionen bestechen mit wunderbarem Fatalismus. Kühns Anschlag ist auch in den leisesten Momenten von unverkennbarer Dynamik. Stücke wie „Immoriscible Most Capable of Being“ und „Hidden Knowledge“ lüften den Vorhang zum existenziellen Verhängnis, bei Kühn kommt aber keinerlei Furcht auf. Eine einzige Konzession machte er für seinen Labelboss Siegfried Loch: Er nahm Colemans Klassiker „Lonely Woman“, den dieser bei den gemeinsamen Konzerten verweigert hatte, auf. Sogar in zwei Versionen. Einer beinah ausgelassenen, die auf dem Cover als „rambling“, sowie einer introvertierten, die als „Ballad“ bezeichnet wird. Notwendig wäre dieses bekannte Stück nicht gewesen, aber Loch wollte wohl damit den Verkauf ankurbeln. Dabei ist die Versenkung in die Schleifen der Trauer, der Reue und der Träumerei, die die unbekannten Stücke anbieten, lohnend genug.

An den Stücktiteln ist auch Colemans in späten Jahren nie versiegender Oppositionsgeist abzulesen. „Food Stamps on the Man“ heißt eines. Anderes bleibt rätselhaft, etwa „Love Is not Generous, Sex Belongs to Woman“. Eingespielt hat Kühn diese zärtlichen Stücke allesamt solo am Flügel in seinem Haus auf Ibiza. Seine Hommage klingt letztlich mehr nach ihm als nach Coleman. Der Bonus-Track unterstreicht diesen Willen zur eigenen Auslegung der vertrackten Coleman-Ästhetik. „The End of the World“ nennt sich diese versonnene, zuweilen ausufernde Meditation über das, was Coleman ausmachte: mutig an die Enden zu gehen, um sich einen neuen Anfang zu erobern.