Prestige in der Wissenschaft

Hanna Worliczek möchte einen Bogen zwischen fundierter historischer und aktueller Wissenschaftsforschung spannen.
Hanna Worliczek möchte einen Bogen zwischen fundierter historischer und aktueller Wissenschaftsforschung spannen.(c) Clemens Fabry

Ist beschreibende Forschung weniger wert? Die Wissenschaftshistorikerin und Biologin Hanna Worliczek untersucht diese Frage für die moderne Zellbiologie.

Alles beginnt mit der Zelle. „Je besser wir ihre grundlegenden Funktionen verstehen, desto mehr erfahren wir über die Entstehung von Krankheiten und desto effizienter können wir diese bekämpfen“, sagt Hanna Worliczek. „Darum ist die Aufklärung der molekularen Mechanismen hinter den Zellfunktionen seit den 70er-Jahren das heiße Thema in der Zellbiologie.“ Dabei werde allerdings gern übersehen, dass die akribische Beschreibung zellulärer Strukturen die Voraussetzung sei, um überhaupt nach den Mechanismen fragen zu können.

2010 hat Worliczek ihr Doktorat in Mikrobiologie abgeschlossen, nach vier Jahren als Postdoc in der biomedizinischen Forschung an der Vet-Med in Wien wechselte sie zur Wissenschaftsgeschichte. „Ich hatte mich zunehmend gefragt, wie es zu den Methoden und Erkenntnisstrategien in der Wissenschaft kommt und warum wir manches auf eine bestimmte Weise machen und nicht anders.“ Statt den damals naheliegenden Weg zur Habilitation zu gehen, begann sie noch einmal zu studieren. Am Doktoratskolleg „Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext“ der Uni Wien schrieb sie ihre zweite Dissertation, die sie demnächst einreichen wird. „Dafür habe ich untersucht, welche Veränderungen das Aufkommen der Fluoreszenzmikroskopie in den 1970ern in der Zellbiologie brachte.“

 

Hierarchie der Wertschätzung

Daneben entwickelte die Wienerin die Idee für ein mehrjähriges Forschungsvorhaben zur unterschiedlichen Beurteilung von zellbiologischen Praktiken seit den 1950er-Jahren. „Auch hier geht es um die Effekte, die historische Dynamiken auf die heutige Forschungskultur haben.“ Ein Bader-Preis, den die Österreichische Akademie der Wissenschaften für Arbeiten zur Geschichte der Naturwissenschaften vergibt, leistet nun die Anschubfinanzierung. „Er ermöglicht mir mit der Förderung des Pilotprojekts dazu wichtige Vorarbeiten, die bei der späteren Drittmitteleinwerbung vorausgesetzt werden“, freut sich die 38-Jährige über die Auszeichnung, die sie im Jänner erhalten hat. „Für mich als Nachwuchswissenschaftlerin wäre so etwas unfinanziert kaum umzusetzen, besonders bei einem noch so wenig beforschten Thema.“

Worliczek verfolgt nicht nur die historischen Entwicklungen anhand von schriftlichen Quellen wie Sitzungsprotokollen, Richtlinien wissenschaftlicher Zeitschriften oder publizierten Arbeiten, sondern bleibt durch Interviews mit Biologinnen und Biologen auch nah an der aktuellen, wieder kritischer werdenden Debatte über die Folgen ungleicher Wertschätzung für Wissensbeiträge in der Zellbiologie. „In der Dissertation habe ich bereits herausgearbeitet, wie Zellbiologinnen und -biologen in den 1970er-Jahren das mikroskopisch kleine Zellskelett sichtbar gemacht und gezeigt haben, aus welchen Molekülen es sich zusammensetzt“, erklärt Worliczek. „Erst dadurch konnte man herausfinden, wie diese Moleküle zusammenarbeiten, damit sich die Zelle bewegen kann. Doch warum ist nur Letzteres prestigeträchtige Forschungsarbeit?“

Allzu oft komme das Attribut „rein beschreibend“ einer Abwertung gleich. „Die Spannung zwischen der Notwendigkeit der Beschreibung mit den jeweils besten Methoden und einer geringschätzigen Haltung gegenüber beschreibender Forschung bildet den Ausgangspunkt für mein neues Projekt.“ In Gesprächen wie auch Zeitschriftenkommentaren sei deutlich geworden, dass eine positive oder negative Bewertung gewisser Forschungstraditionen beträchtlichen Einfluss darauf habe, wer was in welchem Medium publizieren könne, wofür Forschungsförderung eingeworben werde und wem die Scientific Community Anerkennung zolle. „Es ist in der Zellbiologie oft schwer zu definieren, was genau unter Beschreibung zu verstehen ist und wie sich welche Einstufungen in der jüngeren Geschichte konkret ausgewirkt haben.“ Hier setze ihre Analyse an.

Zwischendurch erholt sich die Barockmusikliebhaberin und begeisterte „Dienerin zweier schwarzer Katzen“ gern bei gemeinsamen Reisen mit ihrem Partner.

ZUR PERSON

Hanna Worliczek (38) hat an der Uni Wien Biologie studiert und 2010 in Mikrobiologie promoviert. 2010 bis 2014 war sie Postdoc am Institut für Parasitologie der Vet-Med-Uni Wien, danach begann sie ein weiteres Doktoratsstudium in Wissenschaftsgeschichte an der Uni Wien. Ein Bader-Preis der ÖAW fördert ihr Pilotprojekt zu einem größeren wissenschaftsgeschichtlichen Forschungsvorhaben.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2019)