Frittiertes

Die Anbetung des Kartonkübels.
Die Anbetung des Kartonkübels.REUTERS

Auf der Mariahilfer Straße gibt es seit einigen Jahren ein Fast-Food-Geschäft, es ist die Filiale eines amerikanischen Hühnerlokals. Da gehe ich vorbei, als gerade vier Jugendliche aus dem Geschäft rausstolpern.

Einer von ihnen hält einen riesigen Kartonkübel mit frittiertem Inhalt in der Hand, ein anderer hüpft neben ihm in die Luft, und wiederum ein anderer springt mit einem großen Sprung von der Gruppe weg, dreht sich sogleich um, kniet auf dem Boden und streckt die Hände in Richtung Kartonkübel in die Höhe. Der Kübelhalter – es muss sich um den König handeln – hält das Teil hoch über seinem Kopf, insgesamt vernehme ich von allen vier Jugendlichen merkwürdiges Freudengeschrei. Bei den jungen Menschen von heute weiß man ja leider nie, ob sie ihr Verhalten ernst oder zynisch meinen. Weil wenn diese zeremonielle Anbetung der Hühnerkeule ernst wäre, hätte ich selbstverständlich mitgemacht, als Anhängerin und zahlendes Mitglied der Frittierreligion.

Eine ähnliche Zeremonie hat der Papa früher immer aufgeführt, wenn er im Vorarlberg der 1990er-Jahre Sardellen zum Kaufen fand. Die wurden zu Hause dann nach türkischer Art (also: extra viel von allem) frittiert. Gegessen haben wir Kinder diese Sardellen (Hamsi) natürlich nie, blieb doch der kleine Fisch ganz, und folglich bestand die akute Gefahr, dass er selbst in gegessener Form im Magen weiterlebte. Diese Weisheit hatte ich vom türkischen Nachbarsbuben, dessen Vater sich auch immer in einem latenten Suchzustand nach Hamsi befand (von diesem Buben habe ich auch Theorie, dass man keine Traubenkerne essen darf, weil im Magen sonst eine Rebe wächst. Ich frage mich, was er heute beruflich macht). Jedenfalls musste die Mama für uns, aufgrund unseres Hamsi-Streiks, alternative Gerichte besorgen, das waren dann die Tage, an denen wir Chicken Nuggets essen durften. Denn zum Leidwesen der Eltern hat McDonald's eine seiner ersten Filialen im Ländle justament in unserer Ortschaft eröffnet.

Heute frittiere ich lieber Gemüse. Und Hamsi habe ich erst vor wenigen Monaten zum ersten Mal gegessen. Schmecken tut's so lala, aber der Fisch war echt tot.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2019)