Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Mit Federn, Haut und Haar: Städter brauchen Grün, um nicht verrückt zu werden

Eine Fülle an Daten zeigt, dass Stadtleben psychisch krank machen kann. Dagegen hilft nur Aufwachsen mit der Natur.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Menschen sind seltsam. Zwar teilen sie mit allen anderen Lebewesen, dass sie ihre ökologische Nische selbst „konstruieren“, aber sie übertreiben darin offensichtlich. So führt der menschliche Einfluss auf die Biosphäre zum Verschwinden anderer Arten in einem Tempo, das nur mit dem verheerenden Meteoriteneinschlag in Yucatán vor 60 Millionen Jahren vergleichbar ist: In kürzester Zeit gab er nicht nur den Dinosauriern den Rest, sondern 80 Prozent der damals auf der Erde lebenden Arten.

Nun könnte man meinen, der moderne Mensch hätte sich nach seiner Jahrtausende währenden Anstrengung als Art und Individuum endlich von der evolutionären und mentalen Herkunft aus Tieren und Natur emanzipiert. Geschafft! Endlich Geisteswesen im Sinne von René Descartes! Für diesen modernen, nahezu unbegrenzt kreativen und anpassungsfähigen Homo sapiens sapiens ist die Natur derart unwichtig geworden, dass man sie auch gleich abschaffen kann. Die Welt besteht nur noch aus intensiv genutztem Kulturland und Städten, in denen 50 Prozent der Menschheit lebt, Tendenz steigend. Damit haben sich die modernen Menschen eine zivilisatorisch noch nie dagewesene Nische konstruiert. Natur und die romantische Sehnsucht nach Wildnis war gestern. Die städtische Menschheit wird alle Probleme technologisch lösen, eine strahlende Zukunft ist ihr sicher. So die optimistischen Träume der Silicon Valley Boys, die Wirtschaft und Politik so gern mitträumen.

Aber nichts gibt es geschenkt. So bringt das Leben in der Stadt ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme. Ein klarer Hinweis darauf, dass es die Menschen mit ihren städtischen Nischen übertrieben haben. Sie haben einen Lebensraum geschaffen, der nicht mehr mit den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen im Einklang steht. Schon lang ist bekannt, dass Stadtkinder, die ausschließlich mit menschlichen Artefakten, aber ohne Tiere und Natur aufwachsen, ein sogenanntes Nature Deficit Syndrome entwickeln können, das mangelnde Impulskontrolle, geringe soziale Kompetenz und eine eingeschränkte Fähigkeit umfasst, ihre Ziele zu verfolgen.

Im Februar 2019 ist von Kristine Engemann und Kolleginnen von der Uni Aarhus, Dänemark, eine Studie erschienen, die etwa eine Million Menschen untersucht hat. Die Autoren haben gezeigt, dass Erwachsene, die bis zum Alter von zehn Jahren ohne Grün in ihrer Wohnumgebung aufwachsen, um 55 Prozent wahrscheinlicher unterschiedlichste psychische Probleme entwickeln, verglichen mit Kindern aus einer Umgebung mit viel Grün.

Tatsächlich zeigt heute eine Fülle an Daten, dass Stadtleben psychisch krank machen kann. Dagegen hilft nur ein Aufwachsen mit Tieren und Natur, denn Grün macht offenbar resilient. Die Leute versuchen anscheinend, die Defizite des im funktionellen Sinn unmenschlichen Lebensraums Stadt auszugleichen. So steigt mit der Urbanisierung weltweit die Haltung von Hunden und Katzen. Tatsächlich „konstruierten“ die meisten der in der Stadt lebenden Menschen ihren Lebensraum ja nicht einfach entsprechend ihrer Neigungen: Sie zogen aus ökonomischen Gründen in die Stadt, gepaart mit dem Traum von Freiheit. Klar, dass bei acht Milliarden Menschen am Stadtleben kein Weg vorbeiführt. Aber auch Städter behalten ein Bedürfnis nach Natur. Dem muss daher in der Städteplanung ein Primat vor allen wirtschaftlichen und architektonischen Konzepten und Überlegungen eingeräumt werden.

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2019)