Mord, Liebe und Hass, sie klingen alle ganz harmlos

Marisol Montalvo als Thérèse.
Marisol Montalvo als Thérèse.(c) Matthias Creutziger

Kritik Die Osterfestspiele zeigen Philipp Maintz' Zola-Oper „Thérèse“ in der Universitätsaula. Der Librettist sang selbst eine Hauptrolle.

Wagners Menschheitskomödie stellen die Osterfestspiele ein bitteres französisches Sozialdrama entgegen. Eine Kammeroper nach Émile Zolas Roman „Thérèse“, den Otto Katzameier zu einem Libretto verdichtet – sich selbst hat er dabei eine Rolle zugedacht. Zola erzählt die Hintertreppentragödie eines Pärchens, das einen Mord begeht, um zueinanderfinden zu können. Dann aber schlägt im tristen Umfeld einer Pariser Passage, die sich in jeder Hinsicht als Sackgasse entpuppt, Liebe in tödlichen Hass um; verfolgt vom Bild des Ermordeten, begehen die beiden gemeinsam Selbstmord. Erst im pervertierten Liebestod finden die beiden zueinander – beobachtet von der Mutter des Ermordeten.

 

Blicke, die töten können

Madame Raquin (Renate Behle) hat zuvor aus Dialogen und Gebärden erfahren, wer die Mörder ihres Sohnes Camille (Tim Severloh) gewesen sind. Nebenbuhler Laurent (Otto Katzameier) und Thérèse haben ihn bei einer gemeinsamen Bootsfahrt ertränkt, um endlich Seite an Seite leben zu können.

Die Blicke der zuletzt gelähmten und sprachunfähig gewordenen Frau genügen, die Täter in den Wahnsinn zu treiben. Text und Musik erzählen die Geschichte in knappen Bildern. Ein aus Büromöbeln und Bildern gefügtes Bühnenbild (Marie–Thérèse Jossen) suggeriert die verschiedenen Orte der Handlung, Regisseur Georges Delnon hat die Darsteller zu realistischem Spiel angehalten.

Die dramatischen Fäden sollten von der Musik geschürzt werden, aber die läuft recht unbeteiligt neben der Handlung her. Philipp Maintz hat eine der vielen ununterscheidbaren Klangkulissen gemalt, die von einem Kammerensemble des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter Nicolas André realisiert wird. Es raunt und wabert und sirrt wie in gefühlt 99 Prozent aller Musiktheaternovitäten unserer Zeit. Gleitende Instrumentallinien vereinigen sich zu sanft dissonierenden Klangfeldern.

Nur in wenigen Momenten nimmt dieses harmlose Klangkontinuum prägnantere Gestalt an, rhythmisch pulsierend zur Untermalung der ersten gemeinsamen Nacht von Thérèse und ihrem geheimen Liebhaber – als Akkordeonchoral mit sanften Dur-Harmonien, wenn Laurent auf dem Höhepunkt der Entfremdung seine Geliebte als Hure beschimpft.

Die Singstimmen sind dabei so abstrahierend behandelt wie das Orchester: Kaum je wird dem Text gemäß artikuliert, frei schwebende Melismen lassen wenig Übereinstimmung mit dem Bühnengeschehen erkennen. Marisol Montalvo als Thérèse hat also genauso wenig Chancen, ihren Sopran eindrucksvoll zu entfalten wie Librettist Otto Katzameier als Laurent – doch darf er die einzige musikalische Pointe setzen, die der Hörer ohne Gebrauchsanleitung versteht. Laurents Part ist für einen virilen Bariton geschrieben, der des Muttersöhnchens Camille aber, der den Liebenden als Thérèses Angetrauter im Weg ist, als Countertenor: Tom Severloh hat denn auch die am wenigsten attraktiven Töne des 90-Minuten-Einakters zu produzieren.

Einmal, wenn im „Duett“ Laurent der entsetzten Mutter vom Tod ihres Sohnes berichtet, ballt sich Maintz' Inspiration aber zu einem dramatisch effektvoll verdichteten Moment. Danach schweigt das Orchester kurz und der „Abstieg“ beginnt. Für diesen Augenblick herrscht immerhin Hochspannung in der Universitätsaula. (sin)