Jugend: Viel Leistungsdruck, wenig Rückhalt

Ein großer Teil der österreichischen Jugendlichen fühlt sich gestresst.
Ein großer Teil der österreichischen Jugendlichen fühlt sich gestresst.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die österreichischen Jugendlichen fühlen sich stark unter Leistungsdruck, Mädchen noch stärker als Buben. Als Stressfaktor empfinden sie auch das Berufsleben ihrer Eltern und sie beklagen zu wenig gemeinsame Zeit mit der Familie.

Wien. Ein stressiger Schulalltag, der auch die Freizeit dominiert. Zu wenig Zeit für Aktivitäten mit der Familie. Und die Angst davor, keinen Job zu finden: Ein großer Teil der österreichischen Jugendlichen fühlt sich gestresst, ist von Zukunftssorgen geplagt und vermisst dabei Rückhalt in der Familie.

Das zeigt eine Studie, die SOS Kinderdorf in Auftrag gegeben hat. Demnach empfinden fast neun von zehn Jugendlichen (87,8 Prozent) ihr Familienleben als „sehr stressig“ oder „eher stressig“. Für die Studie hat das Institut für Jugendkulturforschung repräsentativ 400 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befragt.

 

Stressfaktor Schule

Viele Jugendliche empfinden den Leistungsdruck in der Schule oder Ausbildung als sehr hoch: 54 Prozent gaben an, dass ihnen der Schul- und Ausbildungsstress „oft zu viel“ werde, wobei sich Mädchen mit 64 Prozent stärker unter Druck fühlen. Jugendliche aus Familien mit hoher Bildung empfinden den Leistungsdruck ebenfalls stärker als Gleichaltrige mit niedrigerer Bildung (siehe Grafik).

Fast jeder Dritte fühlt sich von den Eltern unter Druck gesetzt. „Schule und Ausbildung“, sagt Studienleiterin Raphaela Kohout, „nehmen in den Gesprächen daheim einen überaus dominanten Stellenwert ein. Andere Themen, die für Jugendliche relevant sind, geraten dabei in Vergessenheit.“

 

Arbeit der Eltern

Aber nicht nur der eigene Leistungsdruck, auch das Arbeitsleben der Eltern wird von den Jugendlichen als Belastung empfunden, 40 Prozent stört, dass ihre Eltern gestresst von der Arbeit nach Hause kommen. 22 Prozent empfinden es als stressig, dass „meine Eltern ständig erreichbar sind für ihre Arbeit“. So erzählt die 18-jährige Jasmine im Interview für die Studie, dass ihre Eltern „so viel Arbeit mit nach Hause bringen“. Wenn ihr Vater „gestresst ist, ist er äußerst aufbrausend, und ich weiß, dass ich ihn in dieser Situation allein lassen muss“. Fast jeder dritte Jugendliche sorgt sich zudem, dass „die Eltern „zwar viel arbeiten, aber zu wenig verdienen“.

Zeitmangel

Familien fehlt in diesem hektischen Schul- und Berufsalltag häufig gemeinsame Zeit. „Was uns wirklich überrascht hat“, sagt Nora Deinhammer, SOS-Kinderdorf-Geschäftsführerin, „ist, dass sich Jugendliche mehr Zeit mit der Familie wünschen.“ Ist doch das Jugendalter üblicherweise jene Phase im Leben, in der sich viele von ihren Eltern lösen, unabhängiger werden. „Wenn sich aber 55 Prozent mehr Zeit mit der Familie wünschen, zeigt das, dass Familienzeit ein knappes Gut geworden ist. Da hat sich viel verändert.“

Jeder dritte Befragte findet, dass die Familie zu wenig Zeit für gemeinsame Mahlzeiten hat. Fast ein Viertel der Befragten gab an, dass in ihrer Familie die Zeit fehle, um über Alltägliches oder wichtige Themen zu reden. „Die Eltern bringen den Arbeitsstress mit nach Hause, vermischen Berufs- und Privatleben, haben immer ein Auge auf dem Handy“,sagt Deinhammer. „Planbare, verlässliche Zeit“ für die Familie gehe dabei verloren. Deinhammer sieht aber weniger die Eltern als vielmehr Wirtschaft und Politik in der Pflicht: Es gelte, familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Eltern „sich mit allen Sinnen“ ihren Kindern widmen können.

 

Zukunftsängste

Das Jonglieren von Familie und Job, wie es die Eltern vorleben, lässt die Jugendlichen auch besorgt auf ihre eigene Zukunft blicken. „Sie nehmen sich auch selbst als zusätzlichen Stressfaktor für ihre Eltern wahr“, so Kohout. 46 Prozent haben Angst, „im Leben nichts zu erreichen“, 43 Prozent fürchten, keinen Job zu finden, und mehr als jeder Dritte fürchtet, später nicht ausreichend Zeit für die Familie zu haben. Das sind, sagt Kohout, „existenzielle Sorgen“.

Für Deinhammer von SOS Kinderdorf sind die Studienergebnisse „alarmierend. Eine gefährliche Kombination aus Leistungsdruck, Zukunftsängsten und zu wenig Rückhalt in der Familie“, der bei den Jugendlichen zu psychosomatischen Beschwerden, Schlaf- und Verhaltensstörungen“ führen könne.

In derart angespannten Familiensituationen könne eine weitere Belastung – Krankheit oder Jobverlust etwa – dazu führen, „dass die Familie auseinanderbricht“. Bei SOS Kinderdorf „erleben wir Tag für Tag, wie schnell das gehen kann“. (mpm)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2019)