"Kommersant": Russische Tageszeitung nach Oligarchen-Einfluss ohne Innenpolitik-Redaktion

APA/AFP/ALEXANDER NEMENOV

Der Oligarch und Alleinaktionär Alischer Usmanow hat die Entlassung zweier prominenter Journalisten durchgesetzt. Daraufhin hat nahezu die gesamte Innenpolitik-Redaktion der Tageszeitung „Kommersant“ gekündigt.

Der Druck auf russische Medien steigt: Nachdem der Oligarch und Alleinaktionär der führenden Moskauer Tageszeitung "Kommersant", Alischer Usmanow, die Entlassung zweier prominenter Journalisten durchsetzte, die korrekt über die mögliche Ablöse von Senatspräsidentin Walentina Matwijenko berichtet hatten, hat am Montag nahezu die gesamte Innenpolitikredaktion der Zeitung ihre Kündigung eingereicht.

Der stellvertretende Innenpolitik-Ressortchef Maksim Iwanow und Spezialkorrespondent Iwan Safronow, zwei der führenden Politikjournalisten des Landes, hatten zunächst am Montag über Facebook bekannt gegeben, ab Dienstag nicht mehr für "Kommersant" tätig zu sein.

"Formal ist das eine Kündigung im beidseitigen Einvernehmen, die Entscheidung, dass mein Arbeitsverhältnis zu beenden sei, hat aber der Alleinaktionär des Verlagshauses (Alischer Usmanow, Anm.) gefällt", schrieb Iwanow. Anlass sei ein Artikel gewesen, in dem von einem möglichen Abgang Walentina Matwijenkos vom Posten der Präsidentin des Föderationsrates berichtet wurde, schrieb er. Der am 17. April 2019 veröffentlichte Text steht weiterhin online, er wirkt für Außenstehende vergleichsweise unspektakulär.

Iwanow und Safronow dürften aber nicht die Einzigen bleiben, die das traditionsreiche Qualitätsmedium verlassen: Am Montagnachmittag erklärte auch der stellvertretende "Kommersant"-Chefredakteur Gleb Tscherkassow, dass er, die Innenpolitik-Ressortchefin Alla Barachowa sowie neun weitere führende Innenpolitik-Journalisten der Zeitung aus Protest ihre Kündigung eingereicht haben.

„Sie wollte Blut sehen und hat es bekommen“ 

Hinter der Entlassung von Iwanow und Safronow stünde ein diesbezüglicher Wunsch der Senatspräsidentin Matwijenko, versicherte am Montag ein Gesprächspartner innerhalb von "Kommersant" gegenüber der APA. "Sie wollte Blut sehen und hat es bekommen", erklärte er. Im Föderationsrat selbst wollte man eine Rolle Matwijenkos weder kommentieren noch dementieren: Die Frage, ob Matwijenko Usmanow um die Entlassung der Journalisten ersucht habe, sei an sich eine Provokation, sagte am Montag Matwijenko-Sprecher Wladislaw Ponomarenko zur APA.

Die aktuellen Kündigungen, die die Zeitung in ihre wahrscheinlich tiefste Krise seit der Gründung des Verlagshauses im Jahr 1989 stürzen könnten, künden gleichzeitig von einem immer größer werdenden Druck auf Journalisten in Russland. 2011 war der legendäre und kürzlich verstorbene Chefredakteur des Wochenmagazins "Kommersant-Wlast" Maksim Kowalski auf Initiative von Alischer Usmanow wegen eines Fotos entlassen worden, in dem der damalige russische Premierminister Wladimir Putin derb auf einem Wahlzettel zum Teufel gewünscht wurde. Nunmehr reicht, so die verbreitete Einschätzung in Moskau, der Wunsch einer realpolitisch nicht sonderlich mächtigen Präsidentin des Föderationsrates, über deren Karriereaussichten Journalisten korrekt berichtet hatten.

(APA)