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Budapest: Vermisste werden im Inneren des gesunkenen Schiffs vermutet

Unglück in der Nacht auf Donnerstag kämpften die Rettungskräfte auf der Suche nach den Vermissten gegen die Zeit.
Unglück in der Nacht auf Donnerstag kämpften die Rettungskräfte auf der Suche nach den Vermissten gegen die Zeit.REUTERS

Das schlechte Wetter erschwert die Suche nach Vermissten und die Bergung des Schiffs. Ein 64-jähriger Ukrainer könnte den Unfall verursacht haben.

Budapest. „Ich sah Tische im Wasser schwimmen. Überlebende klammerten sich daran. Es war ein grauenhafter Anblick.“ So zitiert das ungarische Nachrichtenportal Index.hu einen deutschen Augenzeugen der Schiffstragödie in Budapest. In strömendem Regen und bei Dunkelheit hatte ein großes Hotelschiff ein kleineres Ausflugsboot vor dem Budapester Parlamentsgebäude gerammt. Es war am Mittwochabend, kurz nach 21 Uhr.

Die Hableány (Meerjungfrau) kenterte und sank binnen sieben Sekunden, gab die Polizei bekannt. Sicherheitskameras hatten den Unfall aufgenommen. Darauf ist zu sehen, wie das viel größere und schnellere Hotelschiff, die Schweizer Viking Sygin, auf der Höhe der Margaretenbrücke die kleine Hableány einholt, rammt und buchstäblich unterpflügt.

An Bord der Hableány war eine südkoreanische Touristengruppe – 31 Gäste, zwei ebenfalls südkoreanische Reiseführer und zwei ungarische Besatzungsmitglieder. Nur sieben Menschen konnten gerettet werden. 21 Menschen gelten noch immer als vermisst. Die Rettungskräfte vermuten, dass sich die meisten von ihnen im Inneren des gesunkenen Schiffes befinden, da es zum Zeitpunkt des Unglücks in Strömen regnete. Am Donnerstag glaubte kaum jemand noch daran, dass sie überlebt hätten. Die starke Strömung und anhaltender Regen erschwerten die Suche nach den Vermissten. Am Nachmittag wurden drei weitere Leichen gefunden – kilometerweit stromabwärts. Bisher konnten Taucher das in sechs Metern Tiefe liegende Schiff nicht erreichen, wie der ungarische Außenminister Peter Szijarto am Freitag sagte.

Seit Freitag verstärkt ein südkoreanisches Tauchteam die ungarischen Kollegen. Es traf in der Früh gemeinsam mit Außenministerin Kyung Wha Kang in der ungarischen Hauptstadt ein, wegen der reißenden Strömung waren jedoch zunächst keine Tauchgänge möglich.

Gemeinsam mit ihrem ungarischen Kollegen Peter Szijjarto besuchte Kang die Unglücksstelle. Sie gebe die Hoffnung auf weitere Überlebende nicht auf, sagte sie anschließend vor der Presse. Ihr ungarischer Kollege äußerte sich vorsichtiger. Nach wochenlangem Regen seien Wetter und Strömung "gegen uns", sagte Szijjarto. "Unter Wasser ist die Sicht gleich Null, und der Pegel steigt weiter". Ungarn werde jedoch alles tun, um die Vermissten zu finden und die Tragödie aufzuklären.

Auch Einsatztaucher aus Österreich unterstützten die ungarischen Kollegen. Das Risiko für die Einsatztaucher sei derzeit noch zu hoch, erklärte auch Gerald Haider, Leiter des Stabs der Direktion für Spezialeinheiten im Innenministerium (DSE), im Gespräch mit der Austria Presse Agentur. "Bei Hochwasser werden viele große Gegenstände wie Baumstämme die Donau hinabgetragen. Nichts wäre blöder, als dass ein Taucher davon getroffen werden würde", sagte er.

Unfallrisiko am Abend

Neben der Suche nach den Vermissten lief auch die Suche nach den Gründen für den Unfall an. Am Abend noch wurde der Kapitän des größeren Kreuzfahrtschiffes festgenommen. Gegen den 64-jährigen Ukrainer sei nach einer Vernehmung Haftbefehl beantragt worden, erklärte die Polizei in Budapest.

Zwar galten die Ausflugsschiffe bisher als sicher, die behördliche Aufsicht der Donauschifffahrt als streng und verlässlich. Aber bei näherem Hinsehen lassen sich in den vergangenen Jahren gleich mehrere Entwicklungen erkennen, die das Unfallrisiko bei Schiffsausflügen auf der Donau erhöht haben dürften – besonders in den Abendstunden.

Zum einen hat sich der Tourismus in Budapest und damit das Verkehrsaufkommen auf der Donau in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Und weil Stadtrundfahrten auf dem Fluss sehr beliebt und lukrativ sind, haben auch die großen Flusskreuzfahrtgesellschaften vor einigen Jahren begonnen, solche Touren anzubieten. Auf einer solchen „Spazierfahrt“ befand sich auch die Viking Sygin, die nach ihrem Zwischenstopp in Budapest nach Passau weiterfahren sollte.

Branchenintern war wegen dieser Situation schon seit Längerem die Sorge laut geworden, dass es früher oder später zu einem ernsten Unfall kommen könnte. Die Budapester Schifffahrtsaufsicht war sich der Entwicklung und ihrer Risken offenbar bewusst und führte eine neue Regel ein: Internationale Kreuzfahrtschiffe dürfen im Stadtbereich nur noch wenden, wenn sie bei der Ankunft in Budapest anlegen und wenn sie wieder weiterfahren.

Dazu kommt auch in der Schifffahrt der Arbeitskräftemangel in Ungarn. Auf den kleinen Tourschiffen arbeiten oft Quereinsteiger und Neulinge. Insider berichten, dass es öfter zu Missverständnissen zwischen Kapitänen kommt, weil die Besatzungen der kleineren Schiffe manchmal nicht vertraut scheinen mit der Bedeutung von Schiffssignalen – etwa wenn eine grün blinkende Lampe links andeutet, dass überholt werden kann.

Und schließlich ist da noch das Alter vieler Ausflugsschiffe. Die Hableány wäre heuer 70 Jahre alt geworden. Es war nach Angaben des Betreibers in gutem Zustand und wurde regelmäßig überprüft. Das Schiff soll allerdings vor zwei Jahren aufgrund eines technischen Defekts steuerlos ans Ufer gestoßen sein. Als fast sicher gilt indes, dass nicht ein Materialfehler, sondern menschliches Versagen zu dem Unglück geführt hat.

Den Insassen an Bord der "Sigyn" geschah nichts. "Wir haben nicht einmal einen Stoß gespürt", berichtete die 66-jährige US-Touristin Ginger Brinton. Sie hätten das Unglück erst bemerkt, als sie Menschen im Wasser gesehen hätten: "Es war schrecklich".

Am Ufer unweit der Unglücksstelle an der Margaretenbrücke erinnerten Blumen und Kerzen an die Opfer des schweren Unglücks. Für den Abend war eine Gedenkwache vor der südkoreanischen Botschaft geplant. An ihr dürften auch Angehörige der Opfer teilnehmen, die ebenfalls am Freitag in Budapest erwartet wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2019)