2019, ein Jahr zum Vergessen für Neymar

Nicht nur ganz Brasilien spricht über Neymar.
Nicht nur ganz Brasilien spricht über Neymar.(c) APA/AFP/EVARISTO SA (EVARISTO SA)

Brasiliens Superstar verpasst die Copa América im eigenen Land verletzt. Sportlich läuft es für den PSG-Profi seit Monaten nicht, doch noch schwerer lasten Vergewaltigungsvorwurf und damit verbundener Trubel auf ihm.

Rio de Janeiro/Wien. Exakt acht Mal stand Neymar in dieser Saison auf dem Fußballplatz, zuletzt am Mittwoch in Brasilia für das brasilianische Nationalteam in einem Freundschaftsspiel gegen Katar. Nach 20 Minuten humpelte der Superstar der Seleção unter Tränen vom Platz, verließ später auf Krücken das Stadion. Noch bevor er das Foto der golfballgroßen Schwellung seines Knöchels postete, hatte festgestanden: Neymar wird die am Freitag beginnende Copa América wegen eines Bänderrisses verpassen. Eigentlich der Super-GAU vor dem Heimturnier, angesichts der Geschehnisse der vergangenen Tage aber beinahe eine Randnotiz.

Seit vor einer Woche bekannt wurde, dass eine Frau in São Paulo Anzeige wegen Vergewaltigung gegen Neymar eingebracht hat, gibt es gefühlt jeden Tag eine neue Wendung und hält das Thema nicht nur brasilianische Medien in Atem. Das 26-jährige Model gibt an, von Neymar nach Paris eingeladen worden zu sein, dort habe dieser sie in angetrunkenem, aggressivem Zustand erst geschlagen und nach einem Streit um das fehlende Kondom zum Sex gezwungen. Diese Anschuldigungen hatte sie medienwirksam in einem TV-Interview bekräftigt, das kurz vor dem Anpfiff des Testspiels gegen Katar auf Sendung ging. Je mehr Details ans Licht kommen, desto verworrener allerdings erscheint die Geschichte.

In einem Videoausschnitt ist zu sehen, wie die Frau gegen Neymar handgreiflich wird – als Vergeltung für Schläge am Vortag, wie zu hören ist. Die Kamera im Hotelzimmer wirft ebenso viele Fragen auf wie Angaben, wonach die Brasilianerin Schulden und ihr ursprünglicher Anwalt das Mandat wegen widersprüchlicher Aussagen zurückgelegt hat. Neymar senior bestätigte die Echtheit des Videos, sieht aber eine Entlastung seines Sohnes. Allerdings sollen der Polizei auch Sequenzen des prügelnden Fußballstars sowie Fotos von Blutergüssen vorliegen.

Neymar erschien am Donnerstag im Rollstuhl beim Polizeirevier in Rio, um seine Aussage zu machen. Denn im Zuge seiner offensiven Zurückweisung der Anschuldigungen hat der 27-Jährige ein (inzwischen offline genommenes) Video mit dem Chatverlauf mit der Frau, die er über Instagram kennengelernt hat, veröffentlicht, samt intimen, wenn auch verpixelten Fotos. Dies stellt in Brasilien eine Straftat dar, die bis zu fünf Jahre Haft nach sich ziehen kann. „Wir sind vollkommen überzeugt, dass wir die Unschuld meines Mandanten beweisen werden“, ließ Neymars Anwältin danach wissen.

 

Zweifel und Sorgen

So kurios es klingt: Im brasilianischen Fußballverband dürften einige die Kunde von Neymars Verletzung mit Erleichterung registriert haben. Der anhaltende Medienrummel um den Vergewaltigungsvorwurf ließ Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines sportlichen Einsatzes des Offensivkünstlers aufkommen. „Er hat mental gar nicht die Voraussetzungen, eine Copa América anzugehen, sich einem Heer von Journalisten auszusetzen“, hat etwa Vizepräsident Francisco Noveletto erklärt. Versuche, den PSG-Angreifer zum Verzicht zu bewegen, blieben jedoch erfolglos.

Während Staatspräsident Jair Bolsonaro die Unterstützung für Neymar mit einem Besuch im Spital zelebrierte, äußerte sich Sponsor Nike in einem Statement, „sehr besorgt“ über die Anschuldigungen. Nationaltrainer Tite wollte kein Urteil abgeben, er hat genug andere Probleme mit seinem Superstar. Die Behandlung des Ende Jänner erlittenen Knochenbruchs im nun erneut lädierten rechten Fuß artete in einen Streit mit Paris St. Germain aus, Partybilder während der Reha sowie zuletzt Helikopterflüge zum Teamtraining sorgten für Kritik. Da Neymar nach dem verlorenen französischen Cupfinale einen Fan attackiert hatte, entzog ihm Tite die Kapitänsbinde. Jetzt bleibt dem teuersten Fußballer der Welt überhaupt nur noch die Zuschauerrolle. (swi)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2019)