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Manfred Lütz: „Heute hätten wir weniger Widerstand“

„Moralisches Handeln scheint für uns so einfach. Aber wenn das bedeutet: Möglicherweise verliere ich meinen Job, gibt es Repressionen gegen meine Angehörigen, vielleicht kostet das sogar mein Leben: Da wird Moral erlebbar“: Bestsellerautor Manfred Lütz über die Memoiren seines Großonkels.
„Moralisches Handeln scheint für uns so einfach. Aber wenn das bedeutet: Möglicherweise verliere ich meinen Job, gibt es Repressionen gegen meine Angehörigen, vielleicht kostet das sogar mein Leben: Da wird Moral erlebbar“: Bestsellerautor Manfred Lütz über die Memoiren seines Großonkels.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Psychiater Manfred Lütz hat Memoiren eines Verschwörers gegen Hitler entdeckt: Es war sein Großonkel. Gespräch über ein bemerkenswertes Buch.

Die Presse: Sie haben in einem Schrank die Autobiografie Ihres Großonkels Paulus van Husen gefunden und nun als Buch herausgegeben. Sich den Nazis anzuschließen sei ihm aufgrund einer „grundsätzlichen inneren Einstellung“ unmöglich gewesen, schreibt van Husen darin. Warum, meinen Sie, war ihm das gleich so klar?

Manfred Lütz: Eine solche Haltung war nicht ungewöhnlich für einen intellektuellen Katholiken. Der Katholizismus in Deutschland stand im 19. Jahrhundert eher in Opposition zur preußisch-protestantischen Staatsmacht, ähnlich wie die Sozialdemokraten. Durch Bismarcks Kulturkampf wurden die Katholiken noch mehr an den Rand gedrängt. Blinder Gehorsam gegenüber der Obrigkeit war Katholiken daher fremd. Was meinen Großonkel als grundsätzlich staatstreuen Juristen aber vor allem empört hat, war das Amoralische der Nazis, das Nicht-Achten des Rechtes, etwa in der Diskriminierung der Juden. Er war auch entsetzt darüber, dass der Vatikan mit Hitler das Reichskonkordat abschloss – er war also auch kein katholischer Mitläufer, sondern ein selbstständiger Kopf.

Paulus van Husen gehörte zur Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis mit Verbindungen zum Hitler-Attentäter Stauffenberg, nach dem 20. Juli 1944 entging er nur durch Zufall der Hinrichtung. Was berührt Sie am meisten an seinen Memoiren?