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Nichts weiter als parteipolitische Instrumentalisierung

Replik. Tal Silberstein und Martin Engelberg mögen einander medial widersprechen, doch im Grunde sind sie aus einem Holz geschnitzt.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Im „Addendum“ vom 12. Juli meldete sich Tal Silberstein zu Wort, der von Ex-Kanzler Sebastian Kurz in jüngster Zeit häufig als Verdächtiger genannt wurde. In der „Presse“ vom 17. Juli konterte Martin Engelberg und stellte sich schützend vor seinen Parteiobmann. Nachdem ich diese beiden Artikel gelesen hatte, hatte ich einen Albtraum: Martin Engelberg, jüdischer Neo-Abgeordneter (ÖVP) während der Kurz-Regierung (17 Monate) mit der FPÖ, und Tal Silberstein, einst proaktiver Politikberater (SPÖ), hören aus dem Künstlerzimmer des Veranstaltungszelts bereits das Gegröle des Publikums:

Kumm umma, Freibier gibt's! Des Programm heut is so supa!“

Tätäratääää.

„Heast mi no? Die Blasmusik is so laut. Der Norbert und der Herbert san a scho do. Heut wird's sicher a Riesenhetz. Um Siebene kummen die zwa Juden aufs Podium und hauen sich in die Pappen! Und kana kann mehr sogn, dass mir Antisemiten san! No drei Bier!

Es ist nichts Neues, dass sich mehr und auch weniger fragwürdige Institutionen in dem Bestreben zu beweisen, nicht antisemitisch zu sein, „Hausjuden“ halten. Dafür ist auch jeder Jude qualifiziert, unabhängig von seinen sonstigen Qualitäten – oder deren Abwesenheit. Diese erfolgreich eingefangenen Experten für jüdische Fragen sollen den Anschein erwecken, für die Juden in ihrer Gesamtheit zu sprechen und sich überhaupt mit der „jüdischen Frage“ auszukennen.

 

Sie begehen einen Tabubruch

Die paar Juden, die sich auf diese Weise parteipolitisch instrumentalisieren lassen, aus welchen Gründen auch immer, sprechen allerdings nicht im Geringsten die jüdischen Interessen an. Sie sind auch keine Experten für das Judentum, auch dann nicht, wenn sie in der einen oder anderen Stellungnahme ein paar Brocken Hebräisch fallen lassen. In den jüdischen Gemeinden rümpfen die meisten über sie die Nase und wenden sich von ihnen ab. Denn sie begehen einen Tabubruch, eine Grenzüberschreitung, zeigen Mangel an Sensibilität. Gerade in Österreich, wo noch Blut an den Pflastersteinen klebt, wo vor gerade einmal 75 Jahren Juden nach Mauthausen und Auschwitz deportiert und ermordet wurden, ist das unverzeihlich.

Unabhängig davon, ob es richtig oder falsch ist, dass eine Partei mit einem Wertegefüge voller antisemitischer „Einzelfälle“ wie die FPÖ in die Regierung kommt, darf es nicht sein, dass die Stimme eines jüdischen Abgeordneten dieser Partei, die den Namen des Architekten der österreichischen Verfassung als „Kohn“ verballhornt und bösartige antijüdische Hasslieder singt, die Räuberleiter macht.

Martin Engelberg kann sich nicht wie ein durchschnittlicher Mandatsträger aus dem Mostviertel oder Salzkammergut verhalten, der sich hauptsächlich mit dem Hier und Jetzt beschäftigen kann. In einem Land, wo es 1938 einen Wettlauf gab, welche Gemeinde als erste „judenrein“ wird, kann er sich der historischen Opferverantwortung nicht so leicht entziehen. Für Juden ist die FPÖ eben nicht eine Partei wie jede andere auch. Wie stark muss man sich als jüdischer Abgeordneter verbiegen, um die Bürde der eigenen Familiengeschichte abzustreifen, um seinem Parteiobmann zu Diensten zu sein?

Auch ein Politikberater, der im Bestreben, den jeweiligen politischen Mitbewerbern eins auszuwischen, mit dem Feuer Antisemitismus spielt, ist widerlich. Und wenn er Jude ist, überschreitet auch er eine Grenze, die er nicht überschreiten darf. Ich frage mich auch bei ihm: Hat er kein Schamgefühl?

Mag schon sein, dass Silberstein und Engelberg einander medial widersprechen. Aber die beiden sind aus demselben Holz geschnitzt. Sie verkaufen bedenkenlos die eigene Großmutter. Und was noch schlimmer ist: Sie liefern.

Erwin Javor (geboren 1947) ist int. tätiger Unternehmer, Gründer von Mena-Watch, dem unabhängigen Nahost-Thinktank, und Autor.

Erwin Javor.Beigestellt

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2019)