Die Zentralbanken stecken in der Nullzinsfalle

(c) Peter Kufner

Gastkommentar. Die Geldpolitik steckt in einer Sackgasse. Die Fortsetzung des Null- bzw. Niedrigzinszeitalters wird die Wirtschaft weiter „zombifizieren“. Doch die Chancen für ein Ende der Niedrigstzinsen stehen schlecht.

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Es wird ein denkwürdiger Tag werden, der 31. Oktober 2019. An diesem Tag endet die achtjährige Amtsperiode von Mario Draghi. Er wird in die Geschichtsbücher als jener Präsident der Europäischen Zentralbank eingehen, in dessen Amtszeit die Zinsen kein einziges Mal angehoben wurden und die Bilanzsumme um 71 Prozent aufgebläht. Vorsichtig angekündigt wurde eine erste zaghafte Erhöhung der Zinsen im Euroraum um 0,25 Prozentpunkte bereits öfter, doch die Umsetzung wurde ebenso oft verschoben.

Vordergründig argumentieren die Währungshüter mit der weiterhin zu niedrigen Inflationsrate. Trotz erster Erfolge einer Anhebung der Inflationsrate in Richtung des Inflationsziels von „nahe, aber unter zwei Prozent auf mittlere Sicht“, sehen die Notenbanker insbesondere mittelfristig einen zu geringen Inflationsdruck, der selbst einen ersten Zinserhöhungsschritt im Euroraum rechtfertigen würde.

 

Kommen jetzt Negativzinsen?

Angesichts der sich eintrübenden Konjunkturprognosen ist eine Erhöhung der Zinsen nicht in Sicht. Für den Sparer bedeutet dies zumindest mittelfristig die Fortsetzung des Zeitalters der Niedrigzinsen, wobei die Gefahr einer Ausweitung der Negativzinsen auf die Kontoführungsguthaben und das Bargeldvermögen steigt. Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) schlagen vor, die Bargeldhaltung mit einer Strafsteuer zu belegen. Der Grund ist klar: Solange noch auf Bargeld ausgewichen werden kann, sind Negativzinsen nicht auf breiter Front durchsetzbar. Schließlich sind keine Zinsen besser als Strafzinsen.

Der Druck in Richtung Negativzinsen wird zunehmen. In den USA senkte die Federal Reserve zur Bekämpfung der jüngsten Abschwünge in den Jahren 2000 und 2008 die Zinsen um 5,50 bzw. 5,25 Prozentpunkte. Der frühere US-Finanzminister Lawrence Summers sieht einen Zinsspielraum von fünf Prozent als Minimum für die effektive Bekämpfung eines Abschwungs. Doch selbst die USA, die bereits neunmal die Zinsen erhöht haben, haben damit gerade einmal die Hälfte dieses Weges beschritten. Die Federal Reserve wird bei ihrer nächsten Sitzung die Zinsen wohl wieder senken. Auch die Rufe nach der Einführung von kreativen Brachialmaßnahmen wie der Modern Monetary Theory werden lauter, um z. B. einen Green New Deal zu finanzieren. Die ernsthaften Diskussionen rund um solch monetäre Alchemie zeigen klar, dass die Geldpolitik in der Sackgasse angekommen zu sein scheint und die Lösung in einer – von den Zentralbanken gestützten – expansiven Fiskalpolitik gesehen wird.

Es sieht so aus, als sei das Ende dieses Zinserhöhungszyklus in den USA bereits erreicht. Präsident Donald Trump fordert seit Längerem eine Änderung der Zinspolitik der Federal Reserve. Zuletzt hat das für die Geldpolitik zuständige FOMC keinen weiteren Zinsschritt vorgenommen und für Juli die erste Zinssenkung angekündigt. Prompt reagierten die Börsen mit einem neuerlichen Kursfeuerwerk darauf.

Gleichzeitig gab die Verzinsung der zehnjährigen US-amerikanischen Staatsanleihen zum ersten Mal seit November 2016 auf unter zwei Prozent nach. Angesichts des enormen Budgetdefizits in den USA – für das Fiskaljahr 2019 wird ein Defizit von mindestens 900 Mrd. USD oder rund fünf Prozent des BIPs auf der Bundesebene erwartet, in der Eurozone beläuft sich das gesamtstaatliche Defizit dank des deutlichen Überschusses Deutschlands auf lediglich 60 Mrd. Euro oder 0,5 Prozent des BIPs – ist der Renditerückgang ein untrügliches Anzeichen für baldige Zinssenkungen und für den US-amerikanischen Finanzminister Steven Mnuchin ein Segen.

Für die Gläubiger der Staaten wie die Pensionskassen und -fonds bedeutet der neuerliche Rückgang der Verzinsung der Staatsschulden, dass die reale Kaufkraft der in Staatsanleihen angelegten Ersparnisse weiter sinkt. Weltweit weisen Anleihen im Wert von knapp 13 Billionen USD eine negative Verzinsung auf, dazu zählen fast zwei Drittel aller europäischen Staatsanleihen und 20 Prozent der Unternehmensanleihen mit Investitionsgrad. Der Kaufkraftverlust für deutsche Privathaushalte beläuft sich auf mehr als 350 Mrd. Euro. Die Fortsetzung des Null- bzw. Niedrigzinszeitalters wird die Wirtschaft weiter zombifizieren. Unter Zombifizierung ist zu verstehen, dass aufgrund des niedrigen Zinsniveaus Unternehmen, die bei einem gewöhnlichen Zinsniveau bankrottgingen, auf dem Markt verbleiben. Zombieunternehmen, das heißt Unternehmen, deren Ergebnis gewöhnlicher Geschäftstätigkeit nicht ausreicht, um den Zinsaufwand zu decken, binden Kapital und Arbeitskräfte, die neuen Unternehmen fehlen. Weil es sich bei diesen Unternehmen gleichsam um lebende Tote handelt, werden sie Zombieunternehmen genannt. Bei steigender Tendenz wird ihr Anteil in den westlichen Industrieländern auf rund zwölf Prozent geschätzt.

 

„Die neue Normalität“

Nun könnte man meinen, dass die Niedrigzinsen bei der Sanierung eines in Schwierigkeiten geratenen Unternehmens helfen. Dies ist jedoch nicht der Fall. 85 Prozent der Zombies fallen auch im darauffolgenden Jahr in diese Kategorie. Die Niedrigzinsen verschleppen Konkurse und damit die strukturelle Erneuerung der Wirtschaft. Falls eines Tages die Zinsen doch wieder deutlich steigen sollten, werden diese aufgestauten Konkurse die Rezession verschärfen.

In den Wirtschaftswissenschaften wird die anhaltende Situation von Niedrig-, Null- bzw. sogar Negativzinsen als „the new normal“ bezeichnet. Zur „neuen Normalität“ gehört der beständige reale Wertverlust von finanziellen Vermögenswerten, sofern man sein Geld nicht einem höheren Anlagerisiko aussetzen möchte. Dazu gehören aber auch die außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken. Wird es Christine Lagarde gelingen, den Euroraum aus der Nullzinsfalle zu lotsen? Die Finanzmärkte reagierten auf ihre Nominierung eindeutig: Die Renditen der Staatsanleihen gaben prompt nach, besonders die Italiens. Die Märkte gehen folglich von einer Fortsetzung der lockeren Geldpolitik aus. Die Chancen für ein Ende der Niedrigstzinsen stehen daher schlecht. Sehr schlecht.

Die Autoren

Mag. Ronald-Peter Stöferle (geb . 1980) studierte BWL und Finanzwirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie in den USA. Derzeit Fondsmanager und Partner der Incrementum AG in Liechtenstein. Mitautor des Buches „Die Nullzinsfalle – Wie die Wirtschaft zombifiziert und die Gesellschaft gespalten wird“.


Rahim Taghizadegan
(geb. 1979) ist Ökonom, Philosoph und Rektor des Scholariums in der Wiener Schlösselgasse, einer unabhängigen Forschungs- und Bildungseinrichtung, die ausschließlich über das freiwillige Engagement von eigenverantwortlichen Bürgern finanziert wird. Webadresse: www.scholarium.at.


Mag. Gregor Hochreiter
(geb. 1977) studierte VWL an der Universität Wien sowie European Studies an der Aalborg Universitet (Dk). Derzeit als selbstständiger Ökonom in Wien tätig. Mitautor des Buches „Die Nullzinsfalle – Wie die Wirtschaft zombifiziert und die Gesellschaft gespalten wird“.