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Gutes Ankommen für ein gutes Zusammenleben

Symbolbild.
Symbolbild.(c) Stanislav Jenis

Wie geflüchtete Menschen ihre ersten Monate in Österreich erleben, erforscht Katharina Auer-Voigtländer an der Fachhochschule St. Pölten. Ihre Ergebnisse sollen den Alltag von Sozialarbeitern erleichtern.

Fluchtursachen, Mittelmeerroute, Schleppernetzwerke: Spätestens seit 2015 sind diese Realitäten, denen Geflüchtete auf ihrem Weg nach Österreich ausgesetzt sind, auch im heimischen Wohnzimmer präsent. Darüber, wie sich das Ankommen der Migranten vor Ort gestaltet, wird seither weit weniger gesprochen. Genau diese Lücke möchte Katharina Auer-Voigtländer mit ihrer Dissertation schließen. Die Soziologin erforscht mittels biografischer Interviews, wie der Ankommensprozess aus der Sicht von Geflüchteten verläuft. Der Fokus liegt dabei auf dem Erleben der sozialen und gesellschaftlichen Umstände in den ersten Monaten und Jahren ihres Aufenthalts.

Zwei Elemente haben sich in fast allen bereits erhobenen Interviews als essenziell für ein gelungenes Ankommen herausgestellt: Ein geregelter Aufenthaltsstatus – die Perspektive bleiben zu dürfen – und ein positiver Kontakt zur Bevölkerung vor Ort. Auer-Voigtländer, angestellt am Ilse-Arlt-Institut für Soziale Inklusionsforschung der Fachhochschule St. Pölten, nutzt ein an der Grounded Theory (s. Lexikon) orientiertes Forschungsdesign, um sich der Thematik zu nähern.

Da die Erlebnisse der Geflüchteten oft sehr persönlich sind, ist die intensive Betrachtung einzelner Fälle sinnvoller als eine umfassende, aber oberflächliche Befragung. „Narrative Interviews helfen mir dabei, die Erfahrungen meiner Interviewpartner und -Partnerinnen zu einer Flucht- und Ankommensbiografie zu rekonstruieren“, so die Sozialforscherin. Bei dieser Interviewform stellt die Wissenschaftlerin keine Zwischenfragen, sondern lässt ihr Gegenüber nach einer Impulsfrage offen reden.

 

Inklusion statt Integration

In ihrer theoretischen Arbeit verwendet die Doktorandin das Konzept der sozialen Inklusion: „Im Gegensatz zur Integration, die von einer homogenen Gesellschaft ausgeht, in der Neuankömmlinge aufgenommen werden, lässt das Verständnis von sozialer Inklusion das Entstehen von etwas Neuem zu.“ Das bedeute nicht automatisch einen Wandel zum Schlechteren, betont Auer-Voigtländer.

Das Inklusionskonzept beharrt jedoch, anders als integrative Ansätze, nicht darauf, dass Migranten alle Aspekte ihrer Sozialisation im Gastland aufgeben. „Das ist nicht realistisch. In Wahrheit ist jede demografische Veränderung durch Migration ein Aushandlungsprozess“, so die Forscherin. Dass es im Zusammenleben auch Nuancen abseits der strengen Dichotomie eines „Drinnen“ und „Draußen“ gebe, müsse zunächst erarbeitet werden. Das sei auch die Voraussetzung für ein erfolgreiches Ankommen im österreichischen Gemeinwesen.

Trotz der intimen Kontakte, die Auer-Voigtländer zu manchen Migranten aufbaut, darf sie keine Freundschaften schließen. Das Abgrenzen von den Lebensgeschichten, welche oft Leid und Unrecht beinhalten, sei wichtig, um die Forschung erfolgreich durchzuführen. „Ich habe nicht ein Interview geführt, das keine bewegende Geschichte erzählt hat“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Ergebnisse ihres Doktorats sollen auch in der Lehre Anwendung finden. Auer-Voigtländer: „Der Studiengang Soziale Arbeit sowie weitere Lehr- und Weiterbildungsangebote an der Fachhochschule St. Pölten bereiten Studierende auf die alltägliche Arbeit mit geflüchteten Menschen vor. Hier können Erkenntnisse zu einem gelungenen Ankommen am schnellsten wirken.“

LEXIKON

Die Grounded Theory ist eine Verknüpfung von Verfahren zur Theoriegenerierung in der qualitativen Sozialforschung. Die Weiterentwicklung von Theorien zu menschlichem Verhalten oder sozialen Prozessen wurzelt in der Auswertung qualitativer Daten. Forschung, die nach der Grounded Theory entsteht, soll möglichst relevant für die praktische Anwendung sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2019)