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Pop-Kritik

Bublé, das belebende Narkotikum

Michael Bublé.
Michael Bublé.(c) imago images / Pixsell (Filip Kos/PIXSELL)
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Der 44-jährige kanadische Crooner Michael Bublé, eine Art Modern-Day-Sinatra, begeisterte am Samstag leidenschaftliche Fans in der ausverkauften Wiener Stadthalle.

Um den optimalen Kontakt mit seinen leidenschaftlichen Fans zu pflegen, hat Michael Bublé ausgiebig Wege ins Auditorium zimmern lassen. Auf ausgedehnten Spaziergängen konnte er so Fühlung finden. Manche seiner weiblichen Fans berührten ihn dann bloß mit einem Finger. Vorsicht ist schließlich angesagt bei jemandem, der, wenigsten für die Dauer des Konzerts, die Totalauswechslung der bekannten Realität gegen eine völlig andere bewerkstelligen kann.

Dabei befriedigte Bublé keine Sehnsüchte, nein, er steigerte sie sogar mit diesem sanften Gesang, der noch die letzten Verästelungen des Wünschens zart kolorierte. Bublé operierte an diesem Abend mit dem großen Besteck, sprich mit Orchester. Über ihm leuchtete ein Mond. Bublé, angetan mit kornblumenblauem Anzug, eröffnete mit „Feeling Good“, einem von Nina Simone bekannten Song. „It´s a new dawn, it´s a new day, it´s a new life for me and I´m feeling good”. Das klang verheißungsvoll. Kraftvoll sang Bublé diese Worte in die heftigen Winde, die das muskulöse Satzspiel der Saxofonisten auslöste.

Die Wirkung seiner raffinierten Mischung aus selbst komponierten Popsongs und dynamisch aufgehübschten Klassikern ist nur in widersprüchlichen Bildern zu beschreiben. Belebendes Narkotikum trifft es am ehesten. Die mit zartem Schmelz gesungenen Liebesgeschichten waren selbstverständlich alle nicht wahr. Ein Wissen, das die Begierde der Fans danach nur noch mehr anstachelte. Die defizitäre Realität soll halt mit schönen Ideen ausgepolstert werden.

 

Schönstes Liebeslied der Welt

Das praktizierte Bublé an diesem schönen Abend mit Bravour. Sein vital interpretiertes „My Funny Valentine“, welches er als schönstes Liebeslied der Welt bezeichnete, musste ganz ohne jene Bitterstoffe auskommen, die etwa ein Chet Baker dieser Nummer eingeimpft hat. Ansteckend war auch der Überschwang, mit dem er alte Pop- und R&B-Songs darbrachte. Dem einst von Dean Martin mit alkoholischem Atem gehauchten „Sway“ verpasste Bublé ein munteres Mariachi-Arrangement. Nachgerade weltumarmend geriet der alte Drifters-Hit „Such A Night“. Staubige Vergangenheit feierte fröhliche Urstände.

In humorigen Ansagen streute er Wien als „most livable city, eight times in a row“ Rosen und machte sich sogar über die Eifersucht seiner argentinischen Frau in deren Akzent lustig. Irgendwann galt es ein paar besonders lebenslustige Lieder im Sextett in der Saalmitte zu performen. Darunter Louis Primas „Just a Gigolo“ und „Buona Sera Signorina”. Und selbst wenn Bublé textlich jetzt ins „Schlüpfrige” wechseln musste, blieb er doch von der Anmutung her Gentleman. Er ist halt die perfekte Verkörperung des Annika-Prinzips, der Idee, dass im exzessiven Bravsein etwas Köstliches steckt. Ein Aspekt, der nicht nur in der Pippi-Langstrumpf-Forschung viel zu lang vernachlässigt worden ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2019)