Porträt

Wie Anwälte Projekte stemmen

Astrid Paller, DLA Piper
Astrid Paller: "Ruhige Tage sind nichts für mich."DLA

Anwaltskanzlei, das heißt nicht nur Anwaltsarbeit. Astrid Paller (31) ist Legal Project Manager und unterstützt Mandanten und Anwälte bei komplexen Großprojekten.

Sie mag es gern präzise. Deshalb tat sich Astrid Paller früher mit Anwälten schwer. „Sie sagen ungern ,Ja‘ oder ,Nein‘, nur ,Ja, aber‘ oder ,Nein, aber‘.“ Trotzdem landete die heute 31-Jährige mit einem Bachelor in Wirtschaft und Unternehmensführung und einem Master in Projektmanagement und Organisation bei der Großkanzlei DLA Piper.

Knapp fünf Jahre ist das jetzt her. Damals ging es „um ein großes Mandat, bei dem mehrere Provider für eine Mandantin involviert waren“. Sie muss wohl den Überblick bewahrt haben, denn kurz darauf nahm sie ein Partner zur Seite und meinte, sie solle sich einmal das International-Legal-Project-Team anschauen. Das wäre etwas für sie.

Seither ist Englisch ihre Arbeitssprache. Paller wuchs rasch in das in Großbritannien ansässige und weltweit tätige Team hinein. Es unterstützt Anwälte und Mandanten, große komplexe rechtliche Projekte – „manche umfassen 100 Länder“ – zu stemmen. Klassisches Projektmanagement mit rechtlichem Hintergrund also, von Planung, Steuerung, Monitoring, Erfolgskontrolle bis zur Schlussdokumentation und den „lessons learned“.

Jus hilft, muss aber nicht sein

Die Nachfrage nach dieser Zusatzleistung „steigt enorm“. Die Mandanten erwarteten den viel zitierten One-Stop-Shop: alles in einer Hand. Die Kanzlei koordiniert sich selbst intern und international, aber auch Drittfirmen, den Rechtsthemen nahestehende Service-Provider.

Paller managt vor allem Projekte im Bereich Litigation and Regulatories. Juristisches Wissen war nützlich, ist aber nicht Bedingung. Man erwerbe es ohnehin auf dem Weg, sagt sie. Der Anfang war verwirrend, sie verbrachte damals „viel Zeit mit Google“. Heute ist sie wegen der vielen Vorprojekte fachlich fit. Im Projektmanagement war sie es aufgrund ihrer Vorbildung ohnehin, dazu kamen Fortbildungen wie Lean Six Sigma – sie arbeitet am gelben Gürtel – und Prince2, beides Klassiker unter den Prozessmanagementsystemen.

Zur Person

Als Senior Legal Project Managerin behält Astrid Paller (31) bei internationalen Großprojekten das Gesamtbild im Blick und entlastet damit Mandanten, Partner und Verwaltung. Legal Project Management ist eines von mehreren neuen Berufsbildern im Kontext des Rechtsbereichs und meint das Managen juristischer Großprojekte. Wie beim klassischen Projektmanagement umfasst es das Planen, Steuern, Kontrollieren und Abschließen meist internationaler Vorhaben.

Der Job ist keine ruhige Kugel. Paller arbeitet von Wien aus, fliegt oft in Europa herum, weil man sie „lieber in persona empfängt und nicht als Stimme am Telefon“. Die Teams wechseln mit den Projekten, man will sich persönlich kennen. Oder gemeinsam um Mandanten pitchen. „Die fragen dann: Wie gedenken Sie das Projekt logistisch zu bewältigen?“ Deshalb sitzt sie mit am Tisch und spricht von „Effizienzsteigerungen durch Legal Project Management und den Einsatz von Legal Tech.“

Nie wieder Urlaub im Juli

Pallers Arbeitsrhythmus ändert sich ständig. Ist Asien oder Australien involviert, beginnt ihr Tag sehr früh; ist es die USA, dauert er bis spät in den Abend.

Auch in Europa gibt es Saisonalitäten. „Der August ist der neue Urlaubsmonat. Vorher starten viele noch schnell ihr Projekt.“ Für sie komme daher kein Urlaub mehr im Juli infrage. Und kein Tag, ohne die Mails zu checken: „Wenn ich ein Projekt manage, dann zu 150 Prozent.“

Ruhige Zeiten sind nichts für mich. Am liebsten mag ich es, wenn die Tage gut durchgeplant sind.

Astrid Paller

Was ihrem Naturell entspricht: „Ruhige Zeiten sind nichts für mich. Am liebsten mag ich es, wenn die Tage gut durchgeplant sind.“ Und wenn sich die Mandanten nach Projektabschluss bedanken: „Dann ist Zeit zu rasten.“

Neue Berufsbilder

Legal Project Management ist nicht das einzige neue Berufsbild im juristischen Kontext. Bei DLA Piper decken sie alternative Möglichkeiten ab, Produkte und Services anzubieten. Alle tragen – natürlich – englische Bezeichnungen:

  • Legal Technology (Software als Unterstützung)
  • Knowledge Management (Wissensmanagement)
  • Process Improvement (Prozessoptimierer wie etwa Six Sigma)
  • Resource Management (personelle Reserven in der Organisation unterstützen befristet weltweite Projekte) und
  • das Legal Delivery Center, das standardisierte Aufgaben effizient abwickelt.

Die Botschaft: Anwaltskanzlei, das heißt nicht nur Anwaltsarbeit. Das Feld spannt sich weiter als man glaubt.[PVTDN]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2019)