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Magnagos Tod und Südtirol

Der Weg des ganzen Tirol in eine gute Zukunft steht offen.

Im Friedensvertrag von Saint-Germain kam Tirol 1919 unters Beil. Südtirol wurde von Italien geschluckt. Seither kämpft Tirol um seine Einheit. Zwischen den beiden Weltkriegen war Österreich zu schwach, um sich um Südtirol kümmern zu können. 1939 verschacherte der nationalsozialistische Diktator Südtirol an Mussolini. Vor die Wahl gestellt, ins Deutsche Reich auszuwandern oder in Italien aufzugehen, entschieden sich 90Prozent für das Reich. Nach dem Seitenwechsel Italiens, 1943, besetzten und einverleibten die Deutschen Südtirol. 1945 nach Italien zurückgekehrt, wurden die Südtiroler, die sich für die Aussiedlung entschlossen hatten, zu Fremden in der eigenen Heimat.

Das wiedererstandene Österreich kämpfte für die Rückkehr Südtirols, scheiterte und erreichte im Pariser Vertrag 1947 von Italien lediglich die Selbstverwaltung der Provinz Bozen. Die meisten Tiroler sahen darin einen Verrat. Die neue „Errungenschaft“ wurde von Italien trickreich so gestaltet, dass sie nichts bewirkte. Der Druck in Südtirol stieg ständig. Die Autonomie: ein Fehlschlag! Die Selbstbestimmung, also die Rückkehr nach Österreich: das einzige Ziel! Es kam zu Bombenanschlägen, ein allgemeiner Volksaufstand in Südtirol drohte.

In dieser bis zum Zerreißen gespannten Lage führte der Südtiroler Landeshauptmann, Dr. Silvius Magnago, sein Land in eine neue Autonomie. Von vielen bis heute heftig umstritten, erreichte er in jahrzehntelangen geduldigen Verhandlungen, unterstützt von Innsbruck und der Schutzmacht Österreich, eine neue, kräftige, modellhafte Autonomie. Sie hat sich bewährt. Der Todesmarsch der Südtiroler ist gestoppt. Sie sind Herren im eigenen Haus. Als Europaregion innerhalb der Europäischen Union fand das ganze Tirol seine neue Einheit.

Am 28.Mai wurde Silvius Magnago in Bozen zu Grabe getragen. Die österreichischen und Tiroler Staatsspitzen folgten dem Sarg. Zehntausende von Südtirolern, viele Schützen, gingen mit. Tausende der vorwiegend italienischsprachigen Bewohner Bozens säumten den Zug. Sie applaudierten, wenn sich der Sarg nahte; zeigten echte Trauer; an den Fenstern ihrer Häuser Tafeln: „Danke, Silvius.“ Am Grabe gute Worte der Österreicher, der Tiroler. Bemerkenswert die Italiener. Der italienische Staatssekretär: „Aus dem Problem Südtirol wurde eine Chance für Österreich und Italien – und dann auf Deutsch: Ruhe in Frieden und bei deinen Leuten!“ Der Römer Parlamentspräsident: „Magnago war eine Leitfigur des 20.Jahrhunderts. Er diente in zwei Heeren, liebte aber immer nur Tirol. Er geht mit dem Respekt der ganzen Nation.“

Dieses Begräbnis zeigte: Magnago hat die richtigen Lösungen erkämpft. Die Gräben sind zugeschüttet. Der Weg des ganzen Tirol in eine gute Zukunft steht offen.

Univ.-Prof. Andreas Khol war Nationalratspräsident.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2010)