Gesamtschule: Keine zehn Jahre Zeit für Reform

Gesamtschule Keine zehn Jahre
(c) APA (ROLAND SCHLAGER)

Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung wollen eine gemeinsame Schule bis zum Alter von 14. Sie erwarten im Gegenzug Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen.

Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung unterstützen den innerparteilich umstrittenen Vorstoß von VP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl für eine Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen. Es gibt allerdings auch ein "aber": Sie erwarten im Gegenzug Verständnis für ihre Vorstellungen in der Hochschulpolitik. Das bedeutet, sie fordern mit Nachdruck Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Bis Herbst gebe es ein knapp bemessenes Zeitfenster für eine "gesamtheitliche Bildungsreform", das unbedingt genutzt werden müsse, sagten Christoph Leitl (WKÖ) und Veit Sorger (IV). Man wolle eine "Diskussion ohne Denkverbote".

"Wir erleben eine Umbruchssituation, eine Veränderung von Parametern, wie wir es uns noch vor wenigen Monaten nicht hätten vorstellen können. Insoferne sind die Umstände für eine Reform günstiger geworden. Wir haben aber keine zehn Jahre Zeit", sagte Sorger bei einem der raren gemeinsamen öffentlichen Auftritte.

Lehrergewerkschaft soll sich zurückhalten

Leitl, auch Chef des VP-Wirtschaftsbundes, verglich die Gesamtschule mit einem "Zug, der den Abfahrtsbahnhof schon längst verlassen hat, und die Frage ist nun, wie erreicht er sein Ziel". Man solle die laufenden Schulversuche rasch evaluieren und daraus Folgerungen ziehen. Der Lehrergewerkschaft stehe es "nicht zu, die Diskussion zu dominieren", sagte Leitl.

Auch eine Gesamtschule müsse jedoch "differenzieren" und sowohl die Begabten als auch die Schwächeren unterstützen, meinte Sorger, der nicht VP-Mitglied ist. "Was auf dem Türschild der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen steht, ist nicht entscheidend." Nach Meinung der Bildungsexperten von WKÖ und IV kann der zusätzlich notwendige Aufwand für die "differenzierende Förderung" aus einer Reform des wenig effizienten Systems gewonnen werden. "Von zwei Euro, die in das System fließen, kommt nur ein Euro beim Schüler an, der Rest versickert im Umfeld".

Mehr Schulautonomie

Leitl plädierte unter anderem für die Stärkung der Schulautonomie. Ein Schuldirektor solle wie ein "Teamchef" sein, der sich seine Lehrer selbst auswählen und sie ihrer Leistung entsprechend "bonifizieren" könne - ebenso wie er selbst entsprechend der Leistung seiner Schule bezahlt werden soll.

Im Hochschulbereich pochen die Arbeitgeber weiter auf Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen und Kontingente. "Wir gehen nicht davon ab, dass es notwendig ist, Leistung, Begabungen und Eliten zufördern - das ist kein Spaltpilz, sondern positiv", erklärte Sorger. Eine Wiedereinführung der Studiengebühren müsse auch nicht nach dem alten Muster erfolgen und könne durch staatliche Leistungen wieder teilweise abgegolten werden. In Mangelberufen könne man als "Steuerungselement" die Gebühren aussetzen.

Parteien sollen zu Bildung schweigen

Bei der Bildungsreform seien sich Experten weitgehend und die Sozialpartner "grosso modo" einig, sagte der IV-Präsident. "Es ist eine Wunschvorstellung von mir, die Parteien aus diesem für die nächste Generation überragend wichtigen Thema überhaupt herauszuhalten. Die Parteien sollten sich aus drei Themen heraushalten: Bildung, Europa und Budgetkonsolidierung."

Sowohl Leitl als auch Sorger outeten sich rückschauend als schwache AHS-Schüler mit Problemen u.a. in Physik. Sie führten dies u.a. auf eine "gewisse Faulheit" und einen schlechten Lehrer zurück. Beim Studium habe sich die Lernschwäche dann aber gegeben.

Faymann und Schmied erfreut


SP-Bundeskanzler Werner Faymann begrüßte das Abgehen von Teilen der ÖVP von ihrer ablehnenden Haltung in Sachen Gesamtschule. Auch SP-Unterrichtsministerin Claudia Schmied zeigte über den Schwenk erfreut. Es werde aber keine Junktimierung mit eventuellen Zugangsbeschränkungen im Hochschulbereich geben, betonte Schmied.

Die Studieneingangsphase an den Hochschulen will Schmied dennoch überarbeiten. Die Zustände an diversen Universitäten wie beispielsweise der Wirtschaftsuniversität (WU) seien untragbar. "Das ist Darwinismus und hat mit Hochschulpolitik nichts zu tun", kritisierte Schmied. Es brauche daher dringend Reformen in diesem Bereich.

(APA/Red.)