Glaubensfrage

Sanfte Revolution

Was Jorge Mario Bergoglio, Sebastian Kurz und Werner Kogler verbindet, unmöglich Scheinendes möglich zu machen.

Man kann es – sehr rural und eher optimistisch – so formulieren: Die Kuh ist aus dem Stall. Oder – humanistisch pessimistisch – mit diesen Worten ausdrücken: Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Noch nicht ganz, aber fast. Worum es geht? Um nichts Geringeres als das weitere Öffnen einer schon jetzt nicht verriegelten Tür und das Aufbrechen einer jahrhundertealten zumindest formal bestehenden, aber in der Praxis nicht selten gebrochenen Tradition (der Geist ist willig, wie schon der Evangelist Matthäus schrieb, aber das Fleisch ist schwach) in der lateinischen Kirche. Am Postulat der Ehelosigkeit und der Idee sexueller Enthaltsamkeit der Priester wird gerüttelt.

Benedikt XVI. war es (ausgerechnet er, der vermeintliche Verteidiger des „rechten“ Glaubens!), der, ohne dass es viel Aufhebens darum gegeben hätte, Ende 2009 anglikanischen Christen den Weg in Richtung katholische Kirche geebnet hat. Auch Priestern, die verheiratet sind. Selbst Bischöfen mit Ehefrau und Kindern. Gar nicht auszudenken, Papst Franziskus hätte sich dazu aufgeschwungen. Häresie wäre wohl noch die mildere Form des Ausdrucks der Kritik gewesen.

Papst Franziskus kann nicht anders. Nimmt er seine Worte von der Kollegialität der Bischöfe und der Bedeutung der Synodalität für bare Münze, dann muss er der eindeutigen, mit (knapper) Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedeten Empfehlung der jüngsten Amazonien-Synodenteilnehmer folgen. Er muss kirchenrechtliche Wege finden (und das wird wohl möglich sein), dass auch verheiratete Männer zu Priestern – vorerst nur in Ausnahmefällen – geweiht werden dürfen.

Als Chef einer Organisation mit immerhin 1,3 Milliarden Mitgliedern, Filialen in so gut wie allen Teilen der Welt und trotz einer ausgefeilten Mechanik der Macht bemerkenswerter Diversität muss auch er vorsichtig agieren. Es wäre für ein im Grund höchst fragiles System wie die katholische Kirche desaströs, einen Kurswechsel allzu abrupt vorzunehmen. Zu disparat sind Prägungen, Vorstellungen und Anliegen der Schäfchen. Europa ist nicht Afrika ist nicht Asien ist nicht Amazonien. Das bedeutet nicht, dass deshalb Stillstand perpetuiert sein muss. Sondern, dass Kursänderungen nach langen (für Ungeduldige naturgemäß zu langen) Vorbereitungen vorsichtig erfolgen müssen. Kirchenspaltungen hat es in der Geschichte schon mehr als genug gegeben. Revolutionen, und seien sie für Außenstehende noch so schwer als solche zu erkennen, können nur sanft mit Bedacht erfolgen. Aber sie müssen früher oder später erfolgen, wie die Weihe verheirateter Männer. Oder von Frauen in das Diakonamt. Um unmöglich Scheinendes zu ermöglichen, braucht es Zeit und Geduld. Eine Erfahrung, die Sebastian Kurz und Werner Kogler derzeit nicht ganz fremd sein dürfte.

dietmar.neuwirth@diepresse.com [PXPM2]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2019)