Mein Montag

„Okay, Boomer“ ist das neue „Opa, erzähl uns vom Krieg“

Die neuseeländische Abgeordnete Chlöe Swarbrick machte "Ok, Boomer" populär.
Die neuseeländische Abgeordnete Chlöe Swarbrick machte "Ok, Boomer" populär.Green Party NZ

Ob Sprachwandel oder Sprachverfall, am Ende sollte man sich nicht die Laune verderben lassen.

Sprache verändert sich. Wenn sich ein Fehler über Jahre so einbürgert, dass irgendwann sogar der Duden ihn als richtig klassifiziert („Menschen evakuieren“, zum Beispiel). Wenn Regeln aus anderen Sprachen (das „Deppen-Apostroph“ à la „Harry's Pub“ im Deutschen ist im Englischen korrekt) oder Varietäten (das Cola ist in Deutschland weiblich) dank Medien und Migration ins Land ziehen. Wenn sich die Bedeutung eines Wortes verschiebt („Dirne“ stand einst für ein junges Mädchen, erst später für eine Prostituierte). Und nicht zuletzt, wenn es, weil sich die Welt ändert, neue Begriffe braucht, um sie zu beschreiben. Ohne Klimakrise, die früher noch Klimawandel hieß, wären Neologismen wie Flugscham oder SUV-Scham nicht entstanden, ohne Internet gäbe es keine Cat-Content-Connaisseure.

Man kann dann natürlich einen Sprachverfall konstatieren, manchmal sogar zu Recht. Und steht dann trotzig mit der Schneeschaufel in der Lawine des Sprachwandels. Oder aber man versucht, sich an neuen Wörtern und Redewendungen zu erfreuen. An „Ok, Boomer“, etwa. Das ist eine neue Killerphrase junger Menschen, wenn ihnen ältere die Welt erklären wollen. Populär gemacht von der neuseeländischen Abgeordneten Chlöe Swarbrick, die so auf Zwischenrufe älterer Abgeordneter reagierte, zielt der Ausruf auf die in der geburtenstarken Nachkriegszeit geborenen „Baby-Boomer“. Also die Generation, die einst ihre Eltern und Großeltern mit „Opa, erzähl uns vom Krieg“ ruhig stellte, wenn sie wieder von der guten alten Zeit schwärmten.

Muss man nun also jede sprachliche Neuerung einfach hinnehmen? Nein, nicht jeder Fehler lässt sich als Sprachwandel tarnen. Und niemand erwartet, dass man plötzlich selbst eine Cola bestellt. Aber sich ständig nur ärgern, macht schlechte Laune. Und man will ja schließlich nicht als verbitterter Boomer enden. Ok?

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2019)