Schnellauswahl

Wenn die Mülltonne plötzlich „spricht“

Österreichs größtes Entsorgungsunternehmen Saubermacher optimiert mit Hilfe von IoT die Mülltrennung.

ANDI ist wahrlich nicht groß geraten, aber ANDI hat es faustdick hinter den Ohren, so er denn welche hätte.  ANDI hat ungefähr die Größe einer kleinen Kompaktkamera und steht für „Automatisch, Nachhaltig, Digital, Innovativ“. Zum Einsatz kam ANDI unter anderem in einem gemeinsamen Pilotprojekt der Saubermacher AG mit der Austria Glas Recycling – kurz AGR – im Bezirk Horn/Niederösterreich. Dort rüstete der größte österreichische Entsorgungsbetrieb 25 Glascontainer mit insgesamt 100 Hightech-Sensoren aus.  ANDI, so der Name der Sensoren, kam im Rahmen des Projektes die Aufgabe zu, laufend den aktuellen Befüllungsgrad der Container zu überwachen und automatisch eine Meldung abzusetzen, wenn der Container entleert werden soll. Andreas Oppelt, Vorstand Markt bei der Saubermacher AG, erklärte bei der Präsentation des Projektes: „Da es gerade bei der Altglassammlung sehr starke Schwankungen gibt, helfen diese Daten, die Routenplanung zu optimieren, unnötige Fahrten fallen weg, was CO2 einspart und Lärm vermeidet.“ Positiver Nebeneffekt für die Anrainer: Durch die automatische Datenerfassung und -meldung sollen auch überquellende Sammelcontainer der Vergangenheit angehören.

Live-Daten aus 300 Containern

ANDI allein reicht aber nicht, um die Fahrtrouten aus ökologischer und ökonomischer Sicht zu optimieren. „Hinter ANDI steckt eine digitale Plattform, die von Saubermacher selbst entwickelt wurde bzw. laufend weiterentwickelt wird. Die Plattform verknüpft verschiedene Informationen wie beispielsweise Behälterfüllstand, max. Lkw-Nutzlast, max. Sammelzeit pro Tag, Kalenderdaten und vieles mehr“, erzählt Bernadette Triebl-Wurzenberger, Leiterin Konzern-Kommunikation bei Saubermacher. Auf Basis der verknüpften Daten wird anschließend automatisch ein dynamischer Abfuhrplan erstellt. Weil ANDI und die IoT-Plattform in der ersten Projektphase bewiesen haben, was sie können, wurde das Projekt in Kooperation mit der Austria Glas Recycling und dem Abfallwirtschaftsverband Horn flächendeckend im Bezirk Horn ausgerollt. Insgesamt senden nun 600 Sensoren aus 300 Glascontainern ihre Daten an die Plattform, wo die hinterlegten Modellrechnungen mit Live-Daten verknüpft werden, um dynamische Entleerungsrouten zu erstellen. Gesendet werden die Daten übrigens via Funktechnologie NarrowBand IoT (NB-IoT) der Magenta Telekom, manchen vielleicht noch als T-Mobile Austria in Erinnerung.

Getty Images

Brandgefahr auf Sammelstellen

ANDI kann aber noch mehr: Der Sensor, der in Kooperation mit dem steirischen Start-up SLOC entwickelt wurde, erkennt auch Temperaturanstiege, ein nicht zu unterschätzendes Asset. Durch die Arbeit von Andi kann sichergestellt werden, dass im Falle eines Brandes sofort Alarm geschlagen wird, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen bzw. die Feuerwehr zu alarmieren. Der Sensor kann deshalb auch auf Sammelstellen von Gemeinden wertvolle Dienste leisten. Dort steigt ständig die Brandgefahr, unter anderem durch falsch entsorgte Lithium-Ionen-Akkus, die heute in Handys ebenso vorkommen wie in Akkuschraubern. Erst im August dieses Jahres warnte der Oberösterreichische Abfallverband davor, dass die Hochleistungsenergiespender richtig angewendet und auch entsorgt werden müssen, da ansonsten Selbstentzündungen entstehen können – mit Temperaturen von 1000 bis 2000 Grad Celsius. „In letzter Zeit kam es in Ladestationen, aber auch in Müllsortieranlagen zu Bränden, ausgelöst durch die falsche Sammlung und Lagerung von Lithium-Ionen-Akkus“, heißt es in der entsprechenden Aussendung.

Trennqualität erhöhen

Um solche Gefahrenquellen zu minimieren, aber vor allem, um die Trennqualität bei Abfall zu erhöhen, geht man bei Saubermacher noch einen Schritt weiter. Im Rahmen des Projektes „WasteScan“ wurde mit Unterstützung des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) ein multisensorales, multispektrales System zum Scannen von Restmüll erprobt. Der Scanner wurde gemeinsam mit der TU Graz und Joanneum Research entwickelt. Das System erfasst anonymisierte Daten direkt beim Entladen in das Müllsammelfahrzeug. Mehrere am Fahrzeug angebrachte Sensoren erfassen dabei die Materialien des Inhalts der Restmülltonne. Die Daten werden im Fahrzeug aufgenommen. Anschließend werden die Informationen mittels Deep-Learning-Algorithmen klassifiziert und die Zusammensetzung des Restmülls analysiert. Dadurch sollen Fehlwürfe minimiert, die Trennmoral erhöht und so wertvolle Rohstoffe wie Kunststoffe, Glas oder Metallverpackung der Kreislaufwirtschaft zugeführt werden. Über SMS bzw. eine eigene App, mit dem Namen „Daheim“, wird die Trennqualität an die teilnehmenden Endkonsumenten direkt zurückgemeldet. Die positiv formulierten Rückmeldungen sollen einen Anreiz schaffen, um noch besser zu trennen. Ein Pilotversuch wurde in den beiden steirischen Gemeinden Feldkirchen bei Graz und Riegersburg durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass der Anteil an Fehlwürfen im Restmüll halbiert werden konnte. In beiden Gemeinden landeten nur noch halb so viel Altpapier, Kunststoffe, Metalle oder Bioabfälle im Restmüll. An besonders guten Tagen wurden die Fehlwürfe sogar um bis zu 80 Prozent verringert.

Die EU-Kreislaufwirtschaftsziele geben vor, dass Österreich insgesamt rund 500.000 Tonnen mehr Abfälle recyceln muss. Hans Roth, Unternehmensgründer und Aufsichtsratsvorsitzender der Saubermacher AG: „Würde man das Wertstoffscanner-System flächendeckend einsetzen, hätte man die Hälfte dieses Ziels schon erreicht.“ Nach den guten Erfahrungen in der Steiermark wird das Verfahren nun auch in verschiedenen Gemeinden im Bezirk Tulln gemeinsam mit dem Abfallwirtschaftsverband Tulln in einem Projekt getestet.