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Der Himmelteich und die Hölle hinter der Seestadt

Vormals „Altlast W3“: Himmelteich, Wien Donaustadt.
Vormals „Altlast W3“: Himmelteich, Wien Donaustadt.(c) WF
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Ein Naturdenkmal in Wien Aspern – und was sich unter viel Schilf und Seerosen verbirgt.

Himmel und Hölle liegen ja manchmal sehr viel näher beieinander, als man biblischerweise meinen möchte. Und der Teufel steckt nicht immer nur im Detail, mitunter auch im großen geschichtlich Ganzen. Ein besonders anschauliches Beispiel findet sich im tieferen Transdanubien, unweit der sogenannten Seestadt Aspern. Da liegt ein stilles Wasser, ein unschuldig Stück Natur, wie man leichthin meinen könnte, beschaulich von Schilf umgürtet, Seerosen inmitten: der Himmelteich.

Seitens der Wiener Stadtverwaltung allerdings kennt man das Himmelteich-Gelände unter einer eher höllischen Zuschreibung: nämlich als „Altlast W3“. Im Altlastenportal des Magistrats liest sich das folgendermaßen: „Eine ehemalige Kiesgrube wurde bis 1970 mit ca. 150.000 m3 Hausmüll und Bauschutt verfüllt.“ Die damit verbundene „erhebliche Gefahr für das Grundwasser“ sei zwischen 1991 und 2001 gebannt worden: unter anderem durch „Räumung der Ablagerungen und des kontaminierten Untergrunds“.

Der Sanierung wiederum folgte die Errichtung eines Biotops, das uns heute entgegentritt, als wär's nie anders gewesen: So biotopisch, dass man es mittlerweile gar als Naturdenkmal akkreditiert hat. So weit die letztlich erfreuliche Seite der Himmelteich-Geschichte.

Weniger himmlisch, was besagte Kiesgrube überhaupt erst schuf, in dem unbeschwerte Wiederaufbaudeponierer sich ihrer Entsorgungssorgen entledigten: Hier wurde jener Schotter gewonnen, der dem Naziregime zum Ausbau des Flughafens Aspern nötig schien. Und regelrecht diabolisch, was wiederum dem Schotterabbau voranging: die „Arisierung“ des Geländes, der in der Nachkriegszeit eines der beschämenderen unter den zahlreichen beschämenden hiesigen Restitutionsverfahren folgte. Von wegen Himmel . . .

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2019)