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John le Carrés „Federball“: Von wegen Altersmilde

John le Carr´es neuer Roman ist eine wunderbar altmodische Spionagegeschichte.
John le Carr´es neuer Roman ist eine wunderbar altmodische Spionagegeschichte.White Hare

Seit über 50 Jahren schreibt der Brite John le Carré Spionageromane. In „Federball“ lässt er seinem Frust über Brexit und Trump freien Lauf. Kollege Frederick Forsyth ist da patriotischer.

Federball? Viele mögen das als Altherrensport gering schätzen. Zwar ist auch der britische Spion Nat in die Jahre gekommen, Badminton spielt er jedoch mit Passion – nicht wenige Überläufer hat er direkt auf dem Court angeworben. „Badminton ist List, Geduld, Tempo, man wartet in Lauerstellung auf seine Gelegenheit zum Angriff“, erklärt der Ich-Erzähler in John le Carrés neuem Spionageroman. Eines Tages lernt er im Sportverein den jungen Ed kennen, der ihn herausfordert – nicht nur sportlich, sondern auch, was seine Sicht der Welt betrifft. Denn Ed ist ein inbrünstiger Brexit- und Trump-Hasser. Genau wie sein literarischer Erfinder le Carré übrigens.

Tatsächlich muss es der 88-jährige Autor als eine Art Verrat empfinden, was in Großbritannien gerade geschieht. Anfang der 1960er-Jahre war er selbst als Spion, getarnt als Diplomat, in Deutschland unterwegs – als „Wanderprediger“ für einen EWG-Beitritt der Briten, wie er selbst sagt. Vor den Trümmern seiner eigenen historischen Verdienste stehend, schreibt le Carré nun über den US-Präsidenten, „der gekommen ist, um die schwer erkämpften Beziehungen zu Europa zu verhöhnen und die Premierministerin zu erniedrigen, die ihn eingeladen hat“. Die politische Elite seines Heimatlandes, ausgebildet auf Kaderschmieden wie Eton, verachtet er. Deren Absolventen sind aus seiner Sicht verkommene, egoistische Emporkömmlinge, denen nur die eigene Karriere wichtig ist.

Nichts ist, wie es scheint. Lässt man diese Emotionen beiseite, konstruiert der Autor sehr gekonnt eine wunderbar altmodische Spionagegeschichte mit allen typischen Zutaten: Nichts ist, wie es scheint. Der Feind ist nicht klar auszumachen und sitzt nicht selten im eigenen Land. Den Glauben an einen moralisch höher stehenden Westen hat le Carré schon lange verloren. Das kann man vor allem in seinen letzten Büchern nachlesen.

Trump, Putin, Johnson – für den Autor sind sie alle Halunken. Die Guten gibt es nicht. Sein Interesse gilt ohnehin den kleinen Rädchen im Spionagegetriebe, den offenkundigen Verlierern, die ihr Gewissen bewahrt haben – was wohl auch ein Hauptgrund für ihren beruflichen Abstieg ist.

Ganz anders liest sich das übrigens bei einem anderen Altmeister des politischen Thrillers, le Carrés Schriftstellerkollegen Frederick Forsyth. In „Der Fuchs“ sind die Rollen ganz klar verteilt. Die Briten und ihr amerikanischer Verbündeter sind die Guten – Nordkorea, Iran und Russland sind die Bösen. Als ein junger britischer Hacker, der einsiedlerisch im Dachzimmer seines Wohnhauses haust, im Alleingang in die sichersten Computersysteme der USA eindringt, erkennen die westlichen Geheimdienste rasch sein wahres Potenzial. Das unbedarfte Genie wird zur perfekten Waffe umfunktioniert, um die Schurkenstaaten das Fürchten zu lehren. Wie gewohnt beschreibt Forsyth minutiös militärische Kommandoaktionen und die Zusammenarbeit von Geheimdiensten. Seine Sympathie gilt den unsichtbaren, aber stets patriotischen Geheimdienstmitarbeitern und Soldaten.

Forsyth ist kein Zweifler. Sehr fesselnd beschreibt der 81-jährige Autor außenpolitische Hintergründe und Zusammenhänge. Wie hängen Irans und Nordkoreas Bestrebungen zur Erreichung der Atombombe und die Giftattentate auf russische Verräter zusammen? Forsyth hat nichts verlernt, gebannt rast man durch die Seiten. Eines ist aber klar: Zweifelnde Zwischentöne sind nicht so sein Ding.

Für Politjunkies, die wissen wollen, was im Hintergrund der aktuellen Weltpolitik abläuft, empfiehlt sich die komplementäre Lektüre beider Bücher. Die zwei alten Herren haben ihr Handwerk nicht verlernt.

Neu Erschienen

John le Carré
„Federball“
übersetzt von
Peter Torberg
Ullstein Verlag
352 Seiten
24,70 Euro

 

Frederick Forsyth
„Der Fuchs“
übersetzt von

Rainer F. Schmidt
Bertelsmann
320 Seiten
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2019)