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Morgenglosse

Sigmund Freuds Heimatstadt vergisst die Psychologie

Aufnahmepruefung Psychologie
Dutzende Maturanten vor der Aufnahmeprüfung zum Psychologie-Studium in Wien. An Absolventen mangelt es also nicht, an Wertschätzung ihnen gegenüber schon.Michele Pauty

Obwohl psychische Krankheiten stark zunehmen und kein Tabuthema mehr sind, wird ihre Behandlung von der Stadt vernachlässigt.

Nachdem in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Stationsschließungen und Dienstradreduktionen zunächst die Psychiatrie in Wien massiv entwertet wurde, sind nun also die Psychologen an der Reihe. Weil sie dem Krankenanstaltenverbund und der Gewerkschaft zufolge in den Spitälern keinen allzu hohen Marktwert hätten und leicht zu ersetzen seien, müssten sie sich künftig mit (viel) weniger Geld begnügen. Und mit weniger Zeit für ihre Patienten, denn mehr Dienststellen seien trotz monatelanger Wartezeiten für Patienten, überlasteter Psychologen und Leistungskürzungen in den psychologischen Diensten der Spitäler nicht machbar. Irgendwo müsse man ja sparen.

Tatsächlich ist die bevorstehende Gehaltskürzung nur ein weiterer Schritt in der seit Jahren schleichenden Aushöhlung der Psychologie, die keine starke Lobby hinter sich hat wie etwa die Ärztekammer. Abgesehen davon, dass damit ein historisch gewachsenes und prestigeträchtiges Fach in der Stadt Sigmund Freuds in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden droht, sind die möglichen Folgen für die Bevölkerung verheerend. Denn während von der Stadt einerseits (zu Recht) dazu aufgerufen wird, psychische Krankheiten wie Depressionen, Burn-out und Suizidalität ernst zu nehmen und professionelle Hilfe zu suchen, wird gleichzeitig deren Inanspruchnahme behindert. In einer Zeit, in der psychische Beschwerden stark zunehmen.

Ein merkwürdiger Widerspruch ist das. Und ein schwer erklärbarer. In der Psychologie gibt es den Begriff des Eskapismus, also Realitätsverweigerung. Aber das trifft es nicht. Die Mangelversorgung in Wien wird weniger übersehen, als vielmehr schulterzuckend in Kauf genommen. Auch bekannt als Ignoranz. Nicht nur gegenüber einem anspruchs- und verantwortungsvollen Beruf, dessen Ausübung ein Universitätsstudium plus diverse Fortbildungen voraussetzt, sondern vor allem gegenüber der Bevölkerung.

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