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Kolumne zum Tag

Karrieredienliches Büchertragen

(c) imago images/ingimage (Artem Rastorguev via www.imago-i)

Ehrlichkeit währt am längsten, und gerade was die Lektüre angeht, offenbart es sich allzu rasch, ob jemand wirklich belesen ist oder nur so tut.

Als ich vor einer halben Ewigkeit bei der „Presse“ zu arbeiten begann, erzählte man uns Jungspunden in der Lehrredaktion Folgendes über den legendären früheren Chefredakteur und Herausgeber Otto Schulmeister: wann immer man ihm begegnete, lautete seine Frage stets: „Welche drei Bücher lesen Sie gerade?“ Das stellt einen dienstrechtlich dem Chef Untergebenen vor schwerwiegende Entscheidungen: Bin ich ehrlich und gestehe ich, nur ein Buch mit mir zu führen, einen luftigen Spionageroman, und nicht einmal diesen halbwegs zügig zu lesen? Oder drücke ich auf das bildungsbürgerliche Gaspedal und lege mich in die riskante Kurvenlage der Karriererennbahn, indem ich kühn behaupte, mich derzeit in der Biografie eines Staatsmanns zweiten Ranges (kennt man kaum, war aber bei den Verhandlungen über die Einheitliche Europäische Akte „der“ Schlüsselspieler!), in einer Analyse der Spätphase Britisch-Indiens (bedenkenswerte Lehren für die EU-Regionalpolitik!) und in einem postpostnaturalistischen Heimatroman (fast wie „Germinal“ von Zola, nur sind die Kohlearbeiter Uber-Chauffeure!) zu verlieren?

Lächerlich, würde der kleine Vogel Gilli aus dem ziemlich abgründigen und deshalb hier empfohlenen Bilderbuch „König sein“ (Picus Verlag, Wien) des leider schon vor Jahren verstorbenen belgischen Kinderbuchautors Mario Ramos sagen, und er hätte damit natürlich recht. Ehrlichkeit währt am längsten, und gerade was die Lektüre angeht, offenbart es sich allzu rasch, ob jemand wirklich belesen ist oder nur so tut. Hier in Brüssel, konkreter in der EU-Politikblase, in welcher ich mich bewege, lief voriges Jahr zum Beispiel fast jeder zweite mit Yuval Hararis Bestsellern unter dem Arm herum. Woher das rührt, weiß ich nicht, und ich habe selbst keines seiner sich sehr gut verkaufenden Bücher gelesen. Aber ganz konnte ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass so mancher dieser Zeitgenossen darauf hoffe, beim Harari-unterm-Arm-Tragen den wohlwollenden Blick eines Vorgesetzten zu erhaschen.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2019)