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Stadtbild

Der Brauch, der Missbrauch und das E der Unesco

Demnächst mit Unesco-Logo? Wiener Heuriger.
Demnächst mit Unesco-Logo? Wiener Heuriger.(c) wf
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Kulturerbe „Wiener Heuriger“? Von Wirkungen und Nebenwirkungen einer Institution.

Fangen wir mit den Fakten an, nachzulesen im „Handbuch Alkohol“ des Sozialministeriums: Rund 365.000 Österreicher gelten als alkoholabhängig, rund zehn Prozent der Österreicher erkranken im Laufe ihres Lebens an Alkoholkrankheit. Und da ist von jenen, die sich über Jahrzehnte knapp am Rand der Alkoholsucht durch den Alltag saufen, noch gar keine Rede.

Was mich im Rahmen meiner Stadtbild-Kolumne auf dieses Thema bringt? Dass der Fachbeirat der hiesigen Unesco-Kommission kürzlich die Wiener Heurigenkultur in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen hat. Was wiederum die Wiener Landwirtschaftskammer stolz vermelden ließ: „Ab sofort dürfen sich alle Mitglieder des Vereins ,Der Wiener Heurige‘ mit dem Unesco-Logo schmücken.“ Ein Unesco-Logo für „Jetzt trink'n ma no a Flascherl Wein, es muss ja nicht das letzte sein“?

Rufen wir uns in Erinnerung, wofür das Kürzel Unesco steht: nämlich für United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, zu Deutsch Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Und genau dieses E wie Erziehung sollte uns – und die Unesco – interessieren, während uns allenthalben weinselige Schauer über die Nobilitierung hiesiger Trinkgebräuche durchpulsen.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich meinerseits bin durchaus das eine oder andere Achterl, Seiderl, Stamperl von militanter Abstinenz entfernt. Eine Unesco-Approbation allerdings sollte besser Gebräuchen vorbehalten sein, deren Wirkungen nicht quasi usuell von so fatalen Nebenwirkungen begleitet sind. Sonst finden sich womöglich demnächst auch jemenitisches Kath-Kauen oder die letzten Opiumhöhlen Asiens auf irgendwelchen Unesco-Listen des Bewahrenswerten. Und das kann ja wohl nicht Sinn des Kulturerbe-Gedankens sein . . .

E-Mails an:wolfgang.freitag@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2019)