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Artenschutz

Die Stimmung auf Twitter kann dem Naturschutz helfen

Ein Südliches Breitmaulnashorn.
Ein Südliches Breitmaulnashorn.(c) Fink
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Ein Forscher aus Wiener Neustadt entwickelte in Finnland ein digitales Werkzeug, das als Stimmungsbarometer zum Einsatz kommt: Es erkennt aus Daten von sozialen Medien und Nachrichten-Websites, was die breite Bevölkerung über den Schutz bedrohter Arten denkt.

Ende März 2018 vervierfachte sich die Zahl der Twitter-Meldungen und Webnachrichten zum Thema „Nashorn“. Denn am 19. März verstarb das letzte männliche nördliche Breitmaulnashorn in Afrika, diese Unterart gilt nun als ausgestorben. Den Forschern an der Universität Helsinki fiel der statistische Ausreißer in den sozialen Medien zum Schlagwort Nashorn gleich auf.

Ihre Datenbank sammelt seit fünf Jahren in 20 verschiedenen Sprachen täglich Tausende Tweets und Onlinenachrichten zu bedrohten Arten wie Elefanten, Beuteltieren und Orchideen. Als nach dem 19. März 2018 die Zahl der Meldungen in die Höhe schoss, erkannte das digitale Werkzeug nicht nur, dass sich online viel zum Thema tut, sondern auch, dass die Stimmung der User tiefschwarz – also stark negativ – ist. Christoph Fink, der an der Uni Wien Geografie studiert hat und für die Dissertation in Helsinki forscht, hat diesen Algorithmus mitentwickelt, der als Stimmungsbarometer der Internetnutzer einsetzbar ist. Wenn zum Tod des letzten Northern White Rhinoceros auch Berühmtheiten wie Russel Crow, Chelsea Clinton oder Boy George auf Twitter ihre Trauer ausdrücken, spüren weltweit Millionen Menschen, wie wichtig Natur- und Artenschutz ist.

 

Tweets werden anonymisiert

In der hier entwickelten Methode sind die Twitter-Meldungen freilich anonymisiert, denn die Forscher interessiert nicht, wer was gesagt hat, sondern was die Bevölkerung bei gewissen Themen insgesamt empfindet. „Uns ist klar, dass Twitter-Nutzer und Online-News-Schreiber nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind, aber es ist ein guter Anfang, um eine Stimmung einzufangen.“

In einer aktuellen Studie (Biological Conservation, 6. 11.) haben die Forscher ihre Webanalyse auf Herz und Nieren geprüft. Sie suchten weltweit alle Nachrichten heraus, die von März bis Juli 2018 mit Nashörnern zu tun hatten, und kontrollierten, ob ihre Datenbank erkennt, wenn die durchschnittliche Stimmung außerhalb der langjährigen Norm liegt.

„Alle Events, ob gute oder schlechte Nachrichten, wurden registriert, und wir konnten erkennen, ob die Menschen dazu positive, negative oder neutrale Gefühle geäußert hatten“, sagt Fink. Positive Twitter- und News-Meldungen tauchen etwa nach der Geburt von Nashörnern in Zoos auf, oder wenn Prinz Harry und Meghan Rhino-Schutzgebiete in Botswana als unterstützenswert erwähnen.

Bemerkenswert fanden die Wissenschaftler, dass die meisten Posts aus Ländern kommen, in denen keine Nashörner leben. „Natürlich gibt es in Ländern mit Nashörnern tendenziell schlechteren Zugang zum Internet, aber wir glauben, dass der Unterschied eher damit zusammenhängt, dass viele Umweltschutzorganisationen in Europa und Nordamerika sitzen“, erklärt Fink.

Was ist das Ziel dieses Online-Stimmungsbarometers? „Ein staatlicher Umweltschutzbeauftragter will vielleicht ein Auge darauf behalten, wie neu eingeführte Maßnahmen in der Bevölkerung aufgenommen werden. Er kann dazu aber kaum jeden Tag durch Zehntausende Posts scrollen“, sagt Koautorin Anna Hausmann. Der neue Algorithmus zeigt auf einen Blick, ob etwa die Ausweitung eines Naturschutzgebiets bei den Bürgern auf Wohlwollen oder Ablehnung stößt.

 

Rückhalt aus der Bevölkerung

„In Südafrika gab es eine Initiative, den Handel mit Nashorn-Hörnern zu legalisieren und überwachen, um den Schwarzmarkt zu bekämpfen: Die Politiker hatten aber nicht mit der Ablehnung der Öffentlichkeit gerechnet und konnten es nicht umsetzen“, erzählt Fink. In solchen Situationen kann das Stimmungsbarometer helfen, früh die Richtung der Diskussion zu verändern, um für wichtige Naturschutzmaßnahmen den Rückhalt in der Bevölkerung zu bekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2019)