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Glaubensfrage

Zeugen der franziskanischen Wende

Während der Zehnerjahre sind Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche reihenweise wie Eiterbeulen aufgebrochen. Und wir wurden – unter anderem auch deshalb – Zeugen der franziskanischen Wende in Rom.

Nicht allen wird es bekannt sein. Eigentlich sind die Zehnerjahre mit dem Sonntag (streng genommen mit dessen Vorabend) zu Ende gegangen. Zumindest, wenn man in Kirchenjahren denkt, die für katholische und evangelische Christen mit erstem Adventsonntag beginnen. So viel Abgrenzung gegenüber der weltlichen Welt muss schon sein.

Das abgelaufene/ablaufende Jahrzehnt war in der katholischen Kirche geprägt vom Megathema Missbrauch und von zwei Päpsten. Aufarbeiten und Prävention sexueller Gewalt durch Priester und Ordensleute wird auch in den nächsten Jahren Kirchenobere wie staatliche Behörden beschäftigen. Ein sehr nahe liegender Blick in das sehr weit entfernte Australien: Dort sitzt ein 78-Jähriger namens George Pell seit dem (Nordhalbkugel-)Frühsommer in einem Melbourner Gefängnis. Pell ist der höchstrangige Geistliche, der wegen Missbrauchs verurteilt wurde. Immerhin war er als Finanzchef die Nummer drei der vatikanischen Zentrale. Nächstes Jahr beginnt die Berufungsverhandlung.

Abertausende Betroffene haben sich auf allen Kontinenten gemeldet. Bischöfe, Priester wurden verurteilt, inhaftiert, in den Laienstand degradiert, US-Diözesen gingen Bankrott. Selbst der Haushalt des Vatikans ist ganz aktuell direkt durch versiegende Spendengelder gefährdet. Benedikt XVI. hat das ihm Mögliche getan. Er hat Opfer getroffen, (Straf)Schriften verfasst, um Vergebung gebeten,... Allein, dem großen Theologen aus Bayern fehlte die Kraft und, mehr noch, letztlich auch die Fähigkeit, die ihn von allen Seiten bedrängenden Probleme – nicht zuletzt aus dem Innersten der Kurie, Stichworte Vatileaks und Korruption – in einem Mehrfrontenkampf zu erledigen. Ob es ein Akt von Mut oder Verzweiflung war, als der Aus-der-Zeit-Gefallene vor seinen Kardinälen in einer auf Latein (!) gehaltenen Rede seinen Rücktritt erklärte? Es wird wohl beides zutreffen. Nie mehr wird jemand wie noch unter Johannes Paul II. sagen können, der Papst bleibe trotz aller Leiden Papst, schließlich sei auch Jesus nicht vom Kreuz gestiegen. Das höchste Amt der Kirche wurde durch den Abgang Benedikts ein deutliches Stück entmystifiziert. Es gibt kein Zurück.

Nachfolger Franziskus hat einen schleichenden Rückwärtsgang nach den Reformen des Konzils gestoppt. Mit seinem Auftreten, seinen unbekümmerten Predigten, Schwerpunkten, seinem Weg der Mini-Reformen. Die Zehnerjahre waren ein decennium horribile, ein Jahrzehnt des Grauens, wegen der Grauen, die so viele unter dem vermeintlichen Schutzmantel der Kirche erleben mussten. Die Zehnerjahre waren daneben ein Neuanfang, selbst wenn vieles erst am Anfang steht, eine franziskanische Wende. Auch hier gilt: Es gibt kein Zurück.

dietmar.neuwirth@diepresse.com[PZZME]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2019)