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Gastkommentar

Informatik statt Latein?

Replik auf Roderick Bloems Aufruf „Für ein Pflichtfach Informatik“. Ein Einspruch.

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Über die Anforderungen des Gymnasiums wurden schon seit seinen Anfängen heftige Debatten geführt. Platon empörte sich über die im Training zur Schau gestellten nackten Körper, Nietzsche reagierte mit Hohn und Spott auf die den Schülern abverlangten Mühen, denen sie sich bei der Beschäftigung mit der Sprache der Alten unterziehen mussten. Adorno wiederum kritisierte, dass das Ergebnis des Studiums bloß zur Halbbildung führe. Man könnte sagen, das Gymnasium ist seit seines Entstehens an seinen hehren Anforderungen gescheitert. Dennoch ist es bis heute ein Erfolgsmodell geblieben. Es ist die Schule, in die alle drängen, und das zeigen nicht zuletzt die kürzlich veröffentlichen Schülerzahlen.

Nun erhebt sich die Frage, worin die Stärken dieser Schulform bestehen und um welche Art von Bildung es hier geht. Längst haben Computer, Laptops, Whiteboards, Tablets und Smartphones Einzug ins Gymnasium gehalten, neben Informatik in der 5. Klasse wurde die digitale Grundausbildung in der Unterstufe verpflichtend eingeführt. Doch existieren bereits zahlreiche Studien, die zeigen, dass der Einsatz dieser Technologien weder zu Wissenszuwachs noch zu Leistungssteigerung führt, das verbale Artikulationsvermögen der Schüler keineswegs steigert und schon gar nicht deren Konzentrationsfähigkeit. Der Appell, dass unsere Zukunft allein von der forcierten Digitalisierung abhängt, wird jedoch ständig eindringlich wiederholt.

Um die Probleme, die Roderick Bloem in seinem Gastkommentar in der „Presse“ anspricht, etwa die Fähigkeit „schwierige Aufgaben in mehrere Einzelteile zu zerlegen“, Daten auf „interdisziplinärer“ Ebene zu vernetzen, oder zu wissen, „was Menschen besser als Computer können“ (!), muss vor allem ein kritisches Bewusstsein geschaffen werden, um die Probleme überhaupt als solche zu erkennen bzw. eine Distinktionsfähigkeit zu erwerben, die befähigt, selektiv zu denken und zu urteilen. Dazu könnte die Beschäftigung mit Sprachen und vor allem mit einer Übersetzungssprache wie Latein hervorragende Dienste leisten.

Gerade in den klassischen Sprachen geht es nicht um effiziente Informationsbeschaffung oder pragmatische Zugänge, wie sie leider zuletzt – der eingeführten Kompetenzorientierung geschuldet – vermehrt in Deutsch Eingang gefunden haben, sondern um etwas ganz anderes: Die Auseinandersetzung mit Dokumenten aus fremden Kulturen, dichterischen Versen, Texten von Philosophen oder historischen Schriftstellern erwecken Neugier und Interesse von Schülern, gerade weil sie nicht aus ihrer gewohnten Lebenswelt stammen. Diese können sie auf einzigartige Weise bereichern und sie befähigen, die dort gewonnenen Erkenntnisse auch auf andere Gebiete zu übertragen und mit geschärftem Blick auf heutige Herausforderungen zu reagieren. Deshalb ist auf die Vermittlung solcher „Kompetenzen“ nicht zu verzichten, schon allein deswegen, weil man jungen Menschen die Chance vorenthielte, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die ihre Kreativität, ihren Wissensdrang und nicht zuletzt ihre Begeisterungsfähigkeit fördern. Und darum sollte es in der Zukunft vorrangig gehen.

Michaela Masek (*1957) unterrichtet seit 1981 am Wiener Wasagymnasium Latein, Griechisch und Psychologie/Philosophie.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2019)