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Geschichte

Alte Reiseberichte über den „Orient“

Aus dem Buch „Bilder aus dem Orient“, gezeichnet von August Löffler, mit Texten von Moritz Busch (1864).
Aus dem Buch „Bilder aus dem Orient“, gezeichnet von August Löffler, mit Texten von Moritz Busch (1864).ÖNB
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Das sogenannte Morgenland ist für Europäer seit jeher voller Rätsel. Historische Schilderungen dieser Weltregion führen hin zu stereotypen Vorstellungen unserer Zeit.

Wertfrei auf jene Gegend, die der Westen „Orient“ nennt, zu blicken, scheint kaum möglich zu sein. Zu viele Definitionen hat dieser Begriff über die Jahrhunderte in sich aufgenommen. Die Römer sprachen noch relativ neutral von einer Weltregion im Osten, als deren Orientierungspunkt die aufgehende Sonne diente, die „sol oriens“. Der spätere Begriff „Morgenland“, in die deutsche Sprache durch Luthers Bibelübersetzung eingeführt, wurde je nach Epoche und Standort unterschiedlich interpretiert und teilweise instrumentalisiert.

 

Furcht und Verklärung

Heute verbindet das Deutsche mit dem Begriff „Orient“ vor allem den Nahen Osten und die Türkei; in der englischen Sprache wird „the Orient“ als Synonym für den gesamten asiatischen Kontinent verwendet – wenn auch sehr zurückhaltend und im Bewusstsein aller religiös-kulturellen Konnotationen, die vor allem auf der Dominanz des Islam in den „orientalischen“ Ländern basieren.

Die europäische Sicht auf die muslimische Welt sei in historischen Schilderungen zwar nicht durchgängig negativ, sagt Doris Gruber, Forscherin am Institut für Neuzeit und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „Den Islam musste man aber dennoch verurteilen, sonst wurde man selbst verurteilt.“ Selbst der deutsche Kartograf Carsten Niebuhr, dessen Reiseberichte von einer Arabien-Expedition in Diensten Dänemarks als beispielhaft einfühlsam gelten, habe sich deutlich gegen den Islam ausgesprochen.

Die Klischees von Harem und Schwert, von weiblicher Devotheit und männlicher Grausamkeit, bildeten sich über die Jahrhunderte heraus und wurden durch ein Gefühl der Bedrohung gestärkt. „Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 verfestigte sich die Türkenfurcht, die durch die Eroberungen der Osmanen auf dem Balkan und den Buchdruck weiter befördert wurden. So schlug, nachdem die Osmanen 1683 zurückgedrängt waren, Europas Furcht in romantische Verklärung türkischer Exotik um, die sich in der Kunst, in Musik, Theater, Architektur und Mode manifestierte – auch bei Hofe.“ Spätere Schilderungen sind laut der Historikerin zwar stärker von Aufklärung und Empirie geprägt, aber auch von neu entstandenen Vorurteilen. „Es ist natürlich auch ein Spiegel unserer Gesellschaft, was wir an anderen Gesellschaften als wahr, falsch oder anders wahrnehmen. Im 19. Jahrhundert spielten etwa sexuelle Ausschweifungen und Barbarei eine wichtige Rolle sowie das Gefühl der Überlegenheit Europas“, sagt Gruber.

Wie sich „Orient“-Stereotype seit dem 16. Jahrhundert in deutschsprachigen Reiseberichten darstellten und wandelten, ist Gegenstand des internationalen Projekts „Travelogues“ der ÖAW. Für dieses Vorhaben werden rund 3000 deutschsprachige Reiseberichte der Österreichischen Nationalbibliothek aus der Zeit von 1500 bis 1876 analysiert. Im Zentrum stehen jene Berichte, die das Osmanische Reich und die Perserreiche zum Gegenstand haben.

 

Digitale Spurensuche

Dafür wurden Algorithmen zur Auffindung und Auswertung großer Mengen digital verfügbarer Druckschriften entwickelt, um Wahrnehmungen von „Fremdheit“ und „Orient“ systematisch zu untersuchen. Zum Einsatz kommen auch Techniken des maschinellen Lernens und des sogenannten Text Minings (Anwendung statistischer Verfahren auf große Textbestände). „Die Trefferquote ist sehr hoch. Wir haben über 300 Reiseberichte gefunden, die mit den klassischen Methoden entweder gar nicht oder nicht so leicht hätten aufgefunden werden können“, sagt Gruber. Neben der ÖAW sind an „Travelogues“ auch die ÖNB, das Austrian Institute of Technology (AIT) und die Universität Hannover beteiligt. Finanziert wird das Projekt durch den Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Erst vor Kurzem fanden sich die Projektpartner sowie Gastvortragende aus zwölf Ländern in Wien zu einer Tagung ein, bei der es um die Verfestigung und den Wandel von „Orient“-Stereotypen ging. Ein Vortrag zeigte etwa auf, dass die Stadt Konstantinopel von Persern als zu stark europäisiert wahrgenommen worden sei – ein Beispiel, das einmal mehr die Relativität jeglicher kultureller Bewertungen illustriert.

„Wie man mit Fremden umgeht, und gerade mit Fremden aus dem Raum, den wir als Orient bezeichnen, ist natürlich derzeit Teil unserer gesellschaftlichen Debatte“, so Gruber. „Die historischen Dimensionen helfen vielleicht zu verstehen, warum manche Stereotype so stark im kulturellen Gedächtnis präsent sind, aber auch, wie diese entstanden sind und wie sie in Folge überwunden werden können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)