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Veterinärmedizin

Neue Stelle für Wiederkäuer im Alpenraum

Symbolbild.
Symbolbild.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Vet-Med-Uni Wien hat eine Außenstelle in Innsbruck gegründet. Wer mit Rindern, Schafen und Ziegen arbeiten will, bekommt hier einen Teil der Ausbildung und die Möglichkeit, nahe an der Praxis zu forschen.

Etwa 40 bis 50 Studierende der Veterinärmedizinischen Uni Wien spezialisieren sich pro Jahr in ihrer Fachausbildung auf Wiederkäuer, also Tierarten wie Rinder, Schafe und Ziegen. Für diese angehenden Tierärztinnen und Tierärzte wird sich nun einiges ändern: Ein Teil ihrer Ausbildung findet in der neu gegründeten Außenstelle der Vet-Med-Uni in Innsbruck statt.

Unter dem Motto „Der Wiederkäuer im Alpenraum“ hat die Vet-Med in Innsbruck in den Räumlichkeiten – und in Kooperation mit – der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) die erste Ausbildungs- und Forschungsstätte für Tierärzte in Westösterreich geschaffen.

„Vor allem in Tirol und Vorarlberg gibt es einen angekündigten Tierärztemangel, weil eine Pensionierungswelle auf uns zukommt“, erklärt Johannes Lorenz Khol von der Universitätsklinik für Wiederkäuer, der die neue Außenstelle leitet. Als Mitarbeiter der Vet-Med-Uni in Wien pendelt er derzeit noch wöchentlich nach Tirol und betreut dort die ersten Diplomarbeiten und Dissertationen der angehenden Veterinärmediziner, die ihren Schwerpunkt auf Westösterreich legen. „Da wir uns ausschließlich den Wiederkäuern widmen, geht es hier vor allem um Nutztiere bzw. Haustiere wie Rinder, Schafe und Ziegen. Aber auch um Wildtiere, etwa Gämsen, und um alles, was passieren kann, wenn Nutz- und Wildtiere zusammentreffen“, sagt Khol.

 

Infektionen vermeiden

So berichtet er etwa von der „Gamsblindheit“, einer hoch ansteckenden Augenkrankheit bei Gams- und Steinwild, deren bakterieller Erreger auch von Schafen und Ziegen übertragen wird (nicht auf Menschen). „Gerade in den Alpen, etwa auf Almen, gibt es viele Schnittpunkte, wo Wild- und Nutztiere zusammenkommen“, so Khol. In der Ausbildung soll am neuen Standort eng mit der Praxis zusammengearbeitet werden: „Im besten Fall findet sich im verstärkten Kontakt mit den Tierärzten gleich ein Nachfolger.“

Als Forschungsschwerpunkt sind vor allem Infektionskrankheiten ein Thema. Die erste Dissertation am Tiroler Standort wird die bakterielle Paratuberkulose bei kleinen Wiederkäuern genauer untersuchen. Diese unter Schafen und Ziegen ansteckende Krankheit kann mit Antibiotika nicht behandelt werden und schlägt sich auf den Darm der Tiere. „Diese Durchfallerkrankung führt zu Verlusten für die Landwirte: Die betroffenen Tiere müssen aus der Herde entfernt und Maßnahmen gegen eine Verbreitung ergriffen werden“, erzählt Khol. Da im Alpenraum die Betriebe in kleineren Strukturen arbeiten und hier nicht 2000 Tiere, sondern eher zehn bis zwölf gehalten werden, trifft eine solche Infektion die Landwirte hart. „Die Forschung, die hier stattfindet, ist selten Grundlagenforschung, sondern sehr angewandt, sodass die Ergebnisse schnell in der Praxis landen.“

Das Team um Khol ist in der Forschung auch auf das „Milchfieber“ spezialisiert, eine Stoffwechselstörung bei Milchkühen. „Pro Liter Milch braucht eine Kuh etwa ein Gramm Kalzium: Wenn sie plötzlich 40 Liter Milch pro Tag gibt, braucht sie 40 Gramm Kalzium.“ Dieser akute Kalziummangel führt zu Muskelschwäche und Fieber, die Tiere können gar nicht mehr aufstehen, weil die Muskeln versagen.

 

In der Fütterung vorbeugen

„Mit Kalzium-Injektionen kann man das gut behandeln. An sich galt die Erkrankung als gut erforscht, aber seit ein, zwei Jahren berichten Landwirte, dass es großen Bedarf gibt, die Behandlung zu verbessern.“ Daher forschen die Veterinärmediziner in Richtung Vorbeugung: Wie kann man mit der Fütterung den Kalziummangel schon vor dem Kalben verhindern? „Die Krankheit betrifft nicht unbedingt nur Hochleistungskühe. Vor allem bei der Entstehung gibt es noch offene Fragen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2020)