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Arbeitsgesundheit

Belastete Kinder, überlastete Betreuer

(c) imago stock&people (imago stock&people)
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Die Belastung von Fachkräften in der Betreuung benachteiligter oder kranker Kinder und Jugendlicher hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten verdoppelt. Größtes Problem der Betreuenden ist der Zeitmangel.

Psychische Erkrankungen, Entwicklungsstörungen, Sucht- und Gewalterfahrungen – so lauten heute große Herausforderungen der Kinder- und Jugendheilkunde in westlichen Industriestaaten. Die Bedeutung dieser Krankheitsbilder hat im Vergleich zu früheren großen Themen der Pädiatrie wie etwa diverse Infektionskrankheiten erheblich zugenommen.

 

Österreich speziell betroffen

Die Wissenschaft verwendet für diese Veränderung den Begriff „Neue Morbiditäten“. Sie betreffen – entgegen der landläufigen Meinung – insbesondere Österreich. „In internationalen Rankings liegen wir weit oben in Bereichen wie Suchterkrankungen, Gewalterfahrung, Verhaltensauffälligkeiten, Frühgeburtlichkeit und ähnlichen mehr“, sagt Klaus Vavrik, Gründer und früherer Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Eine erhebliche Zahl der Betroffenen brauche außerfamiliäre Unterstützung durch spezifische Therapien, heil- und sonderpädagogische Förderung, tagesklinische Angebote oder externe Obsorge und Fremdunterbringung. Gerade bei all diesen Möglichkeiten bestünden jedoch große Mängel. So fehlten zum Beispiel rund 100.000 Therapieplätze für Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie und für Psychotherapie. „Diese Last der systematischen Überforderung tragen vor allem die Mitarbeiter der Gesundheits- und Sozial-Betreuungseinrichtungen“, so Vavrik.

Die zunehmende Komplexität der Arbeit von Kinder- und Jugendbetreuern wurde bisher wenig beleuchtet. Diese Lücke wird durch die neue „Studie zur Entwicklung der Betreuungskomplexität von Kindern und Jugendlichen“ geschlossen, die kürzlich von der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) präsentiert wurde. Laut Studienleiter Christian Schober vom Kompetenzzentrum für Non-Profit-Organisationen und Social Entrepreneurship der WU zeigte sich durch die Untersuchung, dass die Arbeit der Fachkräfte in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich schwieriger geworden ist.

Das Team um Schober befragte für die Studie langjährig in der Kinder- und Jugendarbeit tätige Mitarbeiter von Caritas Wien, Diakonie, SOS-Kinderdorf, VKKJ Wien, Vorarlberger Kinderdorf, Caritas Oberösterreich und Lebenshilfe Salzburg. Aus den Angaben von 147 Teilnehmern wurde ein Belastungsindex errechnet. Die wichtigsten Ergebnisse: Der Belastungswert hat sich zwischen 2009 und 2019 nahezu verdoppelt. Dieser Anstieg ist vor allem den externen Rahmenbedingungen geschuldet, die als einer von vier Hauptfaktoren der Betreuungskomplexität definiert wurden.

 

Hauptproblem Zeitmangel

Als folgenreichster Subeinflussfaktor unter diesen externen Bedingungen stellte sich der Mangel an Zeit für die Betreuung heraus. An zweiter Stelle folgt unter den Hauptfaktoren für die gestiegene Belastung die technologische Entwicklung. Gemeint ist damit die Herausforderung für Fachkräfte, nicht den Anschluss an die digitalen Welten zu verlieren, in denen sich Kinder und Jugendliche selbstverständlich bewegen.

Abgesehen von den Therapieplätzen ist für Vavrik die dringlichste belastungssenkende Maßnahme klar: „Es ist banal: primär mehr Zeit! Das heißt zum Beispiel eine Arbeitszeitberechnung nach Leistungsstunden und nicht nach ,Köpfen‘ oder Fallzahlen.“

In Zahlen

16 Prozent der österreichischen Kinder und Jugendlichen leiden an einer psychischen Krankheit.

18 Prozent haben eine chronische Erkrankung, zehn bis fünfzehn Prozent eine Entwicklungsstörung.

400.000 Kinder leben hierzulande in Armut oder sind armutsgefährdet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2020)