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Klimawandel ist keine Falle, sondern Anstoß für mehr Forschung

„Die Presse“ veranstaltete zusammen mit KSV1870 und PwC Österreich im Rahmen von Austria’s Leading Companies das 3. ALC-Wirtschaftsforum in Wien. „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak begrüßte fünf Top-CEOs österreichischer Leitbetriebe beim diesjährigen Klimawirtschaftsgipfel.
„Die Presse“ veranstaltete zusammen mit KSV1870 und PwC Österreich im Rahmen von Austria’s Leading Companies das 3. ALC-Wirtschaftsforum in Wien. „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak begrüßte fünf Top-CEOs österreichischer Leitbetriebe beim diesjährigen Klimawirtschaftsgipfel.Günther Peroutka
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Mehr Effizienz und technologische Innovationen. Das ist laut heimischen Wirtschaftsvertretern die notwendige Antwort auf den Klimawandel.

Bis 2040 soll Österreich klimaneutral werden. So lautet das Ziel, das sich die neue türkis-grüne Bundesregierung in ihrem Regierungsprogramm gegeben hat. Österreich soll seine Kohlendioxidemissionen damit zehn Jahre früher auf null fahren, als dies etwa auf Ebene der Europäischen Union angepeilt wird. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, wie ambitioniert dieses Ziel ist. So lag der CO2-Ausstoß in Österreich laut dem jüngsten Klimaschutzbericht des Umweltbundesamts bei 82,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 ist das eine Steigerung von 4,6 Prozent. Entgegen allen bisherigen Bemühungen konnte somit in den vergangenen 30 Jahren keine wirkliche Emissionsreduktion erzielt werden.

Ist die österreichische Wirtschaft angesichts dieser Historie und der neuen politischen Ziele also in der Klimafalle? Und was können die heimischen Unternehmen machen, um nachhaltig zu mehr Klimaschutz beizutragen? Diese Fragen wurden im Rahmen des ALC-Wirtschaftsforums am vergangenen Donnerstag von einer Runde hochkarätiger heimischer Manager diskutiert.

 

„Es ist nicht fünf nach zwölf“

„Es gibt einen Klimawandel.“ Das sei ein unumstößlicher Fakt, meint dazu Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß, Chefin der oberösterreichischen Fronius, die unter anderem Technologie für Fotovoltaik wie Wechselrichter herstellt. „Aber es ist nicht so, dass es fünf nach zwölf ist. Wir haben noch viel Potenzial und Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten.“ Man müsse auf Innovation und Technologie setzen und nicht darauf, dass nun alle auf der Straße gegen den Klimawandel demonstrieren. „Das ist nicht die Lösung“, sagt Engelbrechtsmüller-Strauß.

Unterstützung erhält sie dabei von Günther Ofner, Vorstandsdirektor des Flughafen Wiens. Da die Luftfahrt beim Thema Klimawandel besonders oft ins Schussfeld der Kritik gerät, verweist er darauf, dass „ein normaler Internetnutzer durch seinen Energieverbrauch jährlich bereits so viele CO2-Emissionen verursacht, wie wenn er einmal pro Jahr nach New York fliegen würde. Ein Power User, der etwa viel streamt, fliegt sozusagen dreimal im Jahr nach New York.“ Durch Technologie könnten jedoch in vielen Bereichen die Emissionen deutlich gesenkt oder sogar auf null gebracht werden – auch in der Luftfahrt. „Alles Notwendige, was es für eine CO2-neutrale Luftfahrt braucht, ist bereits erfunden“, sagt Ofner. So gäbe es etwa schon längst synthetisches Kerosin, dessen Verbrennung CO2-neutral ist, weil das Kohlendioxid bei der Erzeugung des Treibstoffs aus der Luft geholt wurde. Dieses Kerosin sei zwar teurer als sein fossiles Pendant, „hier wäre aber eine sukzessiv steigende Beimischungsverpflichtung sinnvoll. Das würde die Emissionen senken und gleichzeitig der Flugindustrie Planungssicherheit geben“, so Ofner.

Und auch die Energieeffizienz sei ein „wahrer Schatz“, der von den Unternehmen nur gehoben werden müsste. „Wir haben auf dem Flughafen Wien unseren Energieverbrauch um 45 Prozent und unsere Kohlendioxid-Emissionen sogar um 70 Prozent reduziert. Niemand hatte dadurch einen Nachteil. Im Gegenteil: Wir sind billiger und effizienter geworden und haben gleichzeitig das Klima geschützt“, sagt Ofner.

Mehr Effizienz ist auch für Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende von Infineon Austria, das Zauberwort. „In der traditionellen Wertschöpfungskette von der Produktion von Energie bis zu deren endgültigem Verbrauch verlieren wir derzeit 75 Prozent des Energieinhalts. Wir müssen also nicht darüber diskutieren, ob wir mehr Atomkraft brauchen, um die Klimaziele zu erreichen. Es reicht, wenn wir diese Potenziale heben.“ Laut Herlitschka könnte das etwa gemacht werden, indem mechanische Elemente in verschiedensten Anlagen durch auf Halbleitern basierende elektronische Bauteile ersetzt werden. Dadurch kommt es zu weniger Reibung und somit zu weniger Verlusten.

 

„Doppelbesteuerung vermeiden“

Wichtig sei bei dem Thema aber auch die Kostenwahrheit. „Es gibt bereits eine Reihe von Steuern, die auf CO2 abzielen, und auch den Zertifikatehandel. Hier sollte unbedingt eine Doppelbesteuerung vermieden werden. Das ist auch die große Herausforderung bei der Ökologisierung des Steuersystems“, betont Herlitschka.

Eine ordentliche Kosten-Nutzen-Rechnung erwartet sich auch Internorm-Chef Christian Klinger. „Wenn Österreich die Paris-Ziele nicht erreicht, würde das Strafzahlungen von sechs bis zehn Milliarden Euro nach sich ziehen. Wir haben aufgrund der Verfehlung der Kyoto-Ziele bereits einmal mehrere hundert Millionen gezahlt.“ Sinnvoller wäre es daher, dieses Geld für Forschung und Entwicklung einzusetzen. Und auch durch die Sanierung des Gebäudebestands ließe sich viel bewegen. „Ein saniertes Gebäude braucht weniger als ein Viertel jener Energie, die ein Gebäude braucht, das vor 1990 errichtet wurde. Wir erhalten das Geld also mehr als zurück“, so Klinger.

Wie groß der Hebel auch in anderen Bereichen ist, rechnete Voest-Chef Herbert Eibensteiner vor. So würde die Voest durch die für die Zukunft geplante Umstellung auf Elektroöfen und die Nutzung von Wasserstoff in der Sauerstoffreduktion vier Millionen Tonnen CO2 im Jahr einsparen. „Das entspricht den Emissionen von etwa der Hälfte aller Gebäude in Österreich“, so Eibensteiner. Das Problem sei bisher jedoch, dass die grünen Technologien noch nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar seien. Diese Schwierigkeit müsse in den kommenden Jahren durch Forschung durchbrochen werden. Dann steckt die Wirtschaft auch in keiner Klimafalle mehr.

ALC-WIRTSCHAFTSFORUM

Im Rahmen der Österreich-Preisverleihung der Austria's Leading Companies fand auch heuer wieder das ALC-Wirtschaftsforum statt. Thema war der Klimawandel und was er für heimische Unternehmen bedeutet beziehungsweise welchen Input die Wirtschaft liefern kann. Nach einer Keynote von Voestalpine-Chef Herbert Eibensteiner diskutierten er sowie Infineon-Österreich-CEO Sabine Herlitschka, Fronius-CEO Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß, Internorm-Geschäftsführer Christian Klinger und Flughafen-Wien-Vorstand Günther Ofner unter der Leitung von „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2020)