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Küchen

„Man legt Wert auf Charakter und Charme“

Häufig Teil einer offenen Küche: die Kücheninsel.
Häufig Teil einer offenen Küche: die Kücheninsel.Pixabay
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Der neue alte Mittelpunkt von Haus und Wohnung erhält immer mehr Augenmerk in der Innenarchitektur. In Sachen Ausstattung und Design ebenso wie bei der räumlich besseren Nutzung kleinflächiger Wohnungen.

Weiß, funktionell und unauffällig – viele Jahre mussten Küchen vor allem über diese Attribute verfügen. In einem kleinen Zimmer neben dem meist größeren Wohnraum untergebracht, standen sie in der Tradition der Arbeitsküche: Man begab sich nur zum Kochen dorthin. In herrschaftlichen Häusern lag die Küche sogar im Keller und wurde von den Hausbesitzern kaum betreten.

Ich koche, also bin ich?

Das hat sich, zuerst dank der technischen, dann der gesellschaftlichen und städtebaulichen Entwicklung, deutlich geändert: „Küchen sind zum Mittelpunkt der Wohnung geworden“, sagt Martin Steininger von Steininger Interiors. Nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch räumlich: „Fast 90 Prozent der Küchen sind mittlerweile offen“, erläutert Jürgen Trötzmüller von der Küchen-City Süd. „Wir planen keine anderen Küchen mehr“, bestätigt Gerard Moser, Leiter Projektentwicklung bei der Arwag Holding. Dies sei weniger auf das neue Interesse am Kochen zurückzuführen, sondern vielmehr auf die moderne Bauweise und die kleiner werdenden Wohnungen. Auch (kleinere) Luxuswohnungen entkommen dem Trend nicht – und weisen oft Grundrisse auf, in denen ein Bad pro Schlafzimmer und ein Gäste-WC, aber keine getrennte Küche vorgesehen ist.

Form folgt Wunschfunktion

Um sich optimal in den Wohnraum zu integrieren, stehen neben der Funktionalität – etwa ein effizienter Dunstabzug – Architektur und Design der Küche im Mittelpunkt. „Die Küche muss so geplant sein, dass der Mieter jede gängige Küche bei einem Einrichtungshaus kaufen kann und nicht von einem Tischler entwerfen lassen muss“, nennt Moser seine Planungskriterien. Auch die Anschlüsse vom Starkstrom für den Herd bis zum Wasseranschluss müssen funktionale Abläufe garantieren.

„Je nach Anlage der Wohnung haben sich derzeit verschiedene Küchentypen herauskristallisiert“, weiß Nicole Zangl, Einrichtungsspezialistin von Ikea. Die mit Abstand beliebteste sei die L-Form. „Sie bildet nicht nur das perfekte Arbeitsdreieck zwischen Abwasch, Herd und Kühlschrank, sondern bietet auch genügend Stauraum, etwa in einem Eckschrank“, erklärt die Planerin. Darüber hinaus lasse sich in einer L-förmigen Küche am leichtesten ein Essplatz mit Stühlen integrieren. Die optimale Küchenlösung sei allerdings die U-Form. „Kompakter und praktischer kann das Dreieck zwischen Kühlschrank, Herd und Abwasch nicht sein. Alles lässt sich gut erreichen, und der Raum – ob groß oder klein – wird optimal genutzt“, sagt Zangl. Dort, wo ausreichend Platz vorhanden ist, stehen Kochinseln auf der Wunschliste ganz oben, ergänzt Steininger.

Aber auch abseits der Form ist Abwechslung angesagt: Voll im Trend liegen derzeit dunkle Farben, die Oberflächen sind matt. „Die glänzenden Zeiten sind bei uns vorbei“, erklärt Steininger. Raues Holz, Betonstrukturen oder Stein, etwa bei den Arbeitsplatten, und grifflose Fronten sind den Experten zufolge ebenfalls en vogue. „Man kommt von der perfekten Oberfläche eher ab und legt mehr Wert auf Charakter und Charme“, erläutert Steininger.

Digitale Smart Kitchen

Immer öfter wird die Küche darüber hinaus zur Smart Kitchen, denn letztlich hält die Digitalisierung auch hier Einzug: Backofentüren öffnen sich auf Zuruf automatisch, Geschirrspüler dosieren eigenständig das Spülmittel, und Rezepte werden nicht mehr aus dem Kochbuch, sondern vom Touchscreen, der in die Arbeitsplatte integriert ist, abgelesen.

All jenen, die auf der Suche nach einer neuen Küche sind, raten die Experten angesichts der Vielzahl an Möglichkeiten vor allem eines: sich für die Planung Zeit zu nehmen – und einen Experten aufzusuchen. Immerhin sei eine Küche eine größere und langfristige Investition. „Man sollte sich überlegen, wie der Tagesablauf aussieht, wie oft man wie viele Gäste bewirtet, ob man einen Profi engagiert“, sagt Steininger. Wurde das geklärt, geht es um die Wahl der Geräte. „Auch das sollte man sich im Vorfeld überlegen“, so Trötzmüller. Aber nicht nur für das Küchenkonzept sollte man auf externe Hilfe vertrauen. „Ein Ausmess-Service in Anspruch zu nehmen zahlt sich aus“, rät Zangl. „So stellt man sicher, dass alle Steckdosen an der richtigen Stelle sind, die Beleuchtung passt und die Arbeitsplatte richtig zugeschnitten ist.“

Was Sie beachten sollten bei der . . . offenen Küche.

Tipp 1

Raumplanung. Bei einer offenen Küche wird das Kochen in den Wohnraum integriert – per Küchenzeile (plus Kochinsel), in L-Form oder U-Form (siehe Tipp 2).Die Wahl hängt nicht nur vom Grundriss, sondern auch von den Vorlieben ab: Kocht man gern allein, will man Gästen nahe sein? Je nachdem kann der Essbereich gestaltet oder der Koch- vom Wohnbereich abgesetzt werden.

Tipp 2

Küchenform. Kochinseln sind hübsch und begehrt – in kleinen Wohnungen aber oft zu platzraubend. Stattdessen bieten sich L-Form und U-Form an. Das L bildet ein praktisches Arbeitsdreieck mit Abwasch, Herd und Kühlschrank, ein Essplatz mit Stühlen ist meist integrierbar. Das U gilt als noch kompakter und nutzbarer – und birgt zusätzlichen Stauraum.

Tipp 3

Ausstattung und Design. Schubladen öffnen sich auf leisen Druck, Backofentüren auf Zuruf, Geschirrspüler dosieren das Spülmittel, und Rezepte werden nicht mehr aus dem Kochbuch, sondern vom – in die Arbeitsplatte eingelassenen – Touchscreen abgelesen? Alles ist möglich. Eingehüllt wird die Technik derzeit in „charmante“ Materialien wie rauen Stein, Holz oder Beton.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2020)