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Morgenglosse

Der nächste Dieselskandal – diesmal elektrisch?

Tesla Model S vor einem frisch eröffneten Schauraum in Hannover
Tesla Model S vor einem frisch eröffneten Schauraum in Hannoverimago images/localpic
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Wenn die Elektromobilität mit falschen Versprechungen startet, steht sie unter keinem guten Stern. Parallelen zu einem noch recht frischen Desaster drängen sich auf.

Es ist gerade fünf Jahre her, da war die Dieselwelt noch in Ordnung. Sparsam und sauber: Eine „Zukunftstechnologie", die sich anschickte, nach Europa noch andere große Märkte zu erobern.

Die Bombe platzte im Sommer, in den USA. Dabei waren die Warnrufe längst nicht mehr zu überhören gewesen: unabhängige Messungen unter Realbedingungen, unter anderem von der TU Wien, die Erschreckendes zutage förderten. Von einer Software, die Prüfstande erkennt und erst dann die Abgasreinigung hochfährt, war in dieser Zeitung schon 2013 zu lesen.

Fahrverbote, entwertetes Eigentum: Heute hat der Diesel Mühe, als rein europäisches Phänomen zu überleben. Wie auch immer ein Konzern so etwas aushält: Bei Volkswagen ist mittlerweile von 100 Milliarden Euro die Rede, die der Betrug summa summarum kosten wird. Auch bei Daimler, des Abgasbetrugs überführt, türmen sich schon Milliardenbeträge an Strafen und Reparaturen auf.

Der Schlamassel ist politisch keineswegs aufgeräumt: Weil es noch immer keine regelmäßig wiederkehrenden Abgaskontrollen von Dieselfahrzeugen gibt, bleiben Millionen von Autos, deren Abgasreinigung nicht so funktioniert wie sie von Gesetzes wegen müsste (im Frachtbereich vielfach auch vorsätzlich manipuliert), unbehelligt auf der Straße - und die Luftprobleme in europäischen Metropolen noch auf viele Jahre bestehen.

Das konnte nur passieren, weil Diesel politisch sakrosankt war: Beliebt im Volk, ein Verkaufsschlager der Industrie, mit Steuervorteilen subventioniert - und ein bequemer Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren. Nur gründete alles auf einem falschen Versprechen, der Sauberkeit.

Statt daraus zu lernen, stolpert man nun in die nächste Technologie: Elektromobilität. Emissionsfrei und nachhaltig. Wie lange wird man das ungestraft behaupten dürfen? Vor ein paar Jahren hat ein Gericht in Deutschland Opel verboten, sein neuestes Dieselmodell „sauber“ zu nennen. Eine Neuauflage, diesmal Batterie-elektrisch, ist zu befürchten.

Denn die Realität des globalen Energiekonsums, und nur die zählt, ist eine ganz andere, wie der Grazer TU-Professor Georg Brasseur in einem bemerkenswerten Vortrag unlängst ausführte. Ganze vier Prozent sind Solarenergie, Windkraft und Geothermie zuzurechnen. 85 Prozent auf fossiler Basis. Grüne Energie ist, gelinde gesagt, Mangelware auf der Welt.

Und Strom wird zunehmend zum umkämpften Energieträger. Der IKT-Sektor - Streamen, Skypen, Katzenbilder verschicken, vom autonomen Auto noch gar nicht zu reden - hat einen gewaltigen Energiehunger, der sich allein bis 2030 vervierfachen wird. Brasseur: „Für die nächsten zehn bis 20 Jahre wird kaum Elektrizität für den Verkehr übrig sein. Es bleibt nur Energiesparen als Ziel, um Zeit zu gewinnen."

Die Hersteller haben einstweilen eher andere Vorstellungen. Die neuen Elektromodelle, von Audi, BMW und Porsche gerade lanciert, wiegen weit über zwei Tonnen, haben 500, 600, ja über 700 PS Spitzenleistung. Schon klar, Imageträger und so. Aber nachhaltig sind trotzdem nur die Gummistreifen auf dem Asphalt. Tesla? Die haben den USP der Rennwagen-Beschleunigung erst erfunden. Öko und Klimaschutz schwingen lässig mit.

Subventionen gibt es reichlich. Die Sehnsucht der Käufer hält sich bislang in Grenzen: In Österreich haben im Vorjahr 1765 Private ein Elektroauto gekauft (0,54 Prozent der Zulassungen). Die anderen 81 Prozent sind Gewerbliche, die durch Förderungen einen Business-case errechnen. Handelt es sich um eine Technologie, die nur einen Anschub braucht, den man gern gewähren wird, oder um eine, die ohne Subventionen nie lebensfähig sein wird? Denn lange werden die aus Steuergeldern lukrierten Mittel nicht halten.

Elektroautos können eine wunderbare Sache sein, mit unbestreitbaren Produktvorteilen. Aber nicht als grüne Mogelpackung. Die ökologischen Effekte der Materialgewinnung für Batterien und deren Entsorgung gehören ungeschönt benannt. Die CO2-Emissionen in Produktion und Betrieb gehören wahrheitsgemäß errechnet und angegeben, nicht verschleiert und schöngefärbt. Staatliche Subventionen dürfen sich nicht in einer Technologie erschöpfen. Die Gefahr, aufs falsche Pferd zu setzen, ist zu groß. Vor allem, wenn es unter falschen Versprechungen startet.