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Wirtschaftswissenschaft

Wie Reeder mit venezianischen Politikern feilschten

Kreuzfahrtschiff in Venedig.
Kreuzfahrtschiff in Venedig.REUTERS
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Riesige Kreuzfahrtschiffe passieren täglich die Stadt an der Adria, doch Widerstand regt sich seit Jahren. Warum dürfen die Reeder weiterhin fast alles? Forscher der WU Wien untersuchten den Konflikt mit Blick auf die sozialen Verbindungen der Akteure in Venedig.

Es ist David gegen die MS Goliath. Unwirklich türmen sich die größten Kreuzfahrtschiffe des Mittelmeers über die Lagunenstadt Venedig und sorgen für irreparable Schäden. Die in Italien als Grandi Navi bekannten Touristenfrachter kommen gern in die norditalienische Stadt. Rund 500 Schiffe waren es im Jahr 2018. Sie bringen Hunderttausende Kunden für die Museen, Schausteller und Geschäfte, welche sich in der Lagune tummeln. Doch das sorgt seit Jahren für Streit zwischen Wirtschaftsbossen und ihren Widersachern: Lokalpolitiker, Umweltschützer und Anwohner, welche das Biotop der Lagune und das Fundament ihrer Häuser in Gefahr sehen.

Die vielfach verbreiteten medialen Bilder der großen modernen Schiffe vor der kleinen verletzlichen Altstadt seien kein Zufall, so Giuseppe Delmestri, Leiter des Instituts für Change Management und Management Development der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Gemeinsam mit Claudio Biscaro und Mia Raynard, beide ebenfalls von der WU, untersuchte er die Dynamik zwischen den Akteuren im Drama um die beste Route. Im vorigen Jahr fiel dann überraschend eine Entscheidung: Ein paar Schiffe weniger sollen es werden, eine Deckelung der Schwefeloxid-Emissionen für bessere Luft sorgen und eine alternative Wegstrecke erst in Zukunft gefunden werden. Bis dahin bleibe es beim Status quo. Wie konnte es dazu kommen?

 

Austausch von Gefälligkeiten

„Die Ästhetik der Grandi Navi, welche sich wie Fremdkörper an den Markusplatz schmiegen, war eine der zentralen Instrumente in der Rahmung des Konflikts. Und trotzdem können die Reedereien weiter machen wie bisher“, sagt der Management-Experte Delmestri. Er nutzte für die Analyse der Kontroverse soziologische Theorien. Auf umkämpften Territorien prallen verschiedene, miteinander konkurrierende Anschauungen, sogenannte issue frames, aufeinander. Auf der einen Seite stünden die Umweltaktivisten, welche das ökologische System der Lagune gefährdet sehen. Mit ihnen verbündet: Anwohner und Kulturinstitutionen, die um die Fundamente der erhaltenswerten Gebäude bangen. Und auf der anderen Seite operierten Reedereien, Wirtschaftsverbände und die lokale Tourismusbranche, welche die italienische Wirtschaftsleistung und ihre Profite beschützen wollen.

Die empirischen Informationen, mit welchen die Wiener Forscher ihre Theorie laufend fütterten, kamen aus Zeitungsmeldungen, Fotomaterial und jeder Menge Interviews mit Betroffenen.

„So ein Konfliktfeld strebt stets auf eine Einigung zu – die Frage bleibt also, wer den Konflikt für sich entscheidet oder ob ein Kompromiss entsteht“, so der Ökonom. Die Forscher argumentieren, dass ein sozialer Austausch hinter der Auflösung des Konflikts stand. Weil die Reedereien keine Chance im ästhetischen Konflikt hatten, stellte einer von ihnen eine Gruppe Stewards ab, um die Touristenströme am Markusplatz zu bewältigen. Man hoffte auf Reziprozität (Prinzip der Gegenseitigkeit). „Die soziale Austauschtheorie besagt, dass reziproke Handlungen selbst dann stattfinden, wenn die Empfänger der Leistung Dritte sind“, so Delmestri. In diesem Fall profitierte die lokale Polizei, welche sonst für die sichere Abfertigung der Touristenmassen sorgte. Die lokale Politik dankte es den Schiffseignern mit einer Abkehr von der Forderung, die Schiffe von der Lagune fernzuhalten, und begnügten sich mit Minimalkonzessionen.

 

Subtile Einflussnahme

Interviews boten den Forschern weitere Einblicke in die Vorgehensweise der Reeder. Delmestri: „Die augenscheinliche Kooperationsbereitschaft kann auch ein Störfeuer sein. Die Selbstbeschränkung auf Schiffe mit 90.000 Tonnen etwa – die meisten Schiffe wiegen wenige Tonnen darunter.“

Ihre Ergebnisse, welche noch in diesem Jahr veröffentlicht werden, wollen die Forscher in Italien aber auch medial verbreiten, um die subtile Einflussnahme der Schiffseigner auf politische Prozesse zu thematisieren. Nicht absehbar sei allerdings, wie sich das aktuelle Coronavirus auf die Branche auswirke: „Vielleicht sehen wir ohnehin einen Rückgang der Schiffe. Oder aber die Menschen sehnen sich nach der Quarantäne nach ausgiebigen Kreuzfahrten.“

IN ZAHLEN

500 Kreuzfahrtschiffe haben den Lagunenhafen im italienischen Venedig im Jahre 2018 angesteuert.

80 Prozent der größten Schiffe sollen nach der neuen Regelung künftig nur mehr erlaubt sein.

90.000 Tonnen
dürfen die schwimmenden Hotels maximal wiegen, wollen sie am Markusplatz vorbeifahren – so will es die neue Beschränkung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2020)