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Informatik

Der Druck, den die Überpräsenz von Technik bei uns erzeugt

Handys, Tablets und PCs sind nicht nur nützlich, sie verursachen auch Stress.
Handys, Tablets und PCs sind nicht nur nützlich, sie verursachen auch Stress.imago images / Westend61
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Handys, Tablets und PCs sind nicht nur nützlich, sie verursachen auch Stress. Oberösterreichische Forscher haben dieses lange Zeit von der Wissenschaft vernachlässigte Phänomen unter die Lupe genommen und wissen nun, warum so mancher lieber Exit statt Enter drücken würde.

Man ist gerade in seine Arbeit vertieft, da klingelt das Handy, ein dringendes E-Mail kommt herein. Alles zugleich, Hektik kommt auf. „Die digitale Technologie erleichtert uns nicht nur vieles, sie bringt auch zusätzliche Belastung“, weiß René Riedl von der Fachhochschule (FH) Oberösterreich, der in seiner jüngsten vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschung den Technostress in Organisationen analysiert (siehe Lexikon). Darunter versteht man jenen Stress, der durch die Allgegenwart von digitalen Technologien während der Arbeit entsteht.

 

Arbeitsflow und Psyche leiden

Für das Projekt haben Riedl und seine Mitarbeiter unter anderem Interviews geführt, die Herzfrequenzen von Betroffenen aufgezeichnet und sogar ein eigenes Software-Tool entwickelt. Eines der Ergebnisse: „Neben der Tatsache, dass durch die ständige Erreichbarkeit die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, stresst es am meisten, wenn man durch wiederholte, durch neue Technologien ermöglichte Unterbrechungen aus dem Arbeitsflow gerissen wird.“ Die Forscher nennen dieses Phänomen „Techno-Overload“: Die ständige Präsenz digitaler Kommunikations- und Informationsmedien, die (oft vermeintliche) Notwendigkeit des sofortigen Reagierenmüssens – das alles setzt die Betroffenen unter enormen Druck. Sie haben das Gefühl, viele Dinge gleichzeitig erledigen zu müssen. Echtes Multitasking schafft das menschliche Gehirn aber nicht.

„Besonders bei komplexen kognitiven Aufgaben braucht der Mensch nach solchen Unterbrechungen einige Minuten, bis er sich wieder in seine ursprüngliche Aufgabe hineingedacht hat und diese fortsetzen kann“, erläutert Riedl. Darunter leiden Wohlbefinden, Zufriedenheit und letztlich auch die Arbeitsleistung. Was auffällt: Vor allem junge Menschen neigen dazu, diesen Druck selbst zu erzeugen. „Sie schauen alle paar Minuten auf ihr Smartphone, um neue Nachrichten zu checken oder nachzusehen, ob ein Bekannter etwas auf einer Social-Media-Plattform gepostet hat.“

Daneben haben die Wissenschaftler weitere Stressfaktoren im Umgang mit der digitalen Technik ausfindig gemacht. So empfinden es viele als besonders schlimm, wenn gerade dann, wenn man noch schnell einen Arbeitsauftrag abschließen muss, der PC abstürzt, der Drucker einen Papierstau hat oder der Browser eine gefühlte Ewigkeit braucht, bis er die dringend benötigte Internetseite auf den Bildschirm bringt. Der durch die Unzuverlässigkeit der technischen Systeme ausgelöste Stress bringt da so manchen zumindest metaphorisch an den Rand des Nervenzusammenbruchs.

Etliche Berufstätige, so hat Riedl ermittelt, fühlen sich auch durch die Technik überfordert oder verzweifeln daran, dass immer dann, wenn sie ein Computer-programm endlich beherrschen, ein Update auf den Markt kommt, sie wieder Neues lernen müssen und währenddessen ihre Arbeit liegen bleibt. Sie fühlen sich unsicher, was kommende Technologien ihnen abverlangen werden. Allzu leicht macht sich dann auch Angst um den Arbeitsplatz breit. Man fürchtet, von Robotern ersetzt zu werden. „Diese Furcht besteht besonders in Jobs, die stark formalisierbar sind sowie einen hohen Automatisierungsgrad aufweisen und sich damit für eine Übernahme durch künstliche Intelligenz besonders eignen“, sagt der oberösterreichische Experte.

 

Computermaus als Notbremse?

Mit der Analyse des Problems gibt sich Riedl freilich nicht zufrieden. „Ziel unserer Forschung ist es, Maßnahmen abzuleiten, die diesen Technostress verhindern.“ Das könnten zum Beispiel klare Regelungen für die betriebsinterne Kommunikation sein, aber auch Lösungen wie zum Beispiel eine Computermaus, die die Hautleitfähigkeit des Benutzers registriert, daraus sowie aus anderen Faktoren den Stresslevel des Benutzers ermittelt und bei Bedarf keine E-Mails mehr in die Inbox lässt bzw. am Handy keinen Anrufer mehr durchstellt. Riedl: „Technik verursacht Stress, und nun versuchen wir, mit intelligenteren Technologien eben diesen Stress zu vermindern. Das ist irgendwie paradox, aber die Normalität in der Technologieentwicklung.“

LEXIKON

Technostress ist als Phänomen bereits seit Aufkommen der PCs bekannt, wurde in der Forschung jedoch nach anfänglichen Bemühungen und ersten Studien jahrelang vernachlässigt. Erst seit Smartphones allgegenwärtig geworden sind, ist das Thema wieder relevant. Das Projekt an der FH Oberösterreich ist das erste, das unterschiedliche Erhebungsmethoden wie Interviews und physiologische Stressmessungen vereint. Vertreter unterschiedlicher Disziplinen – von EDV-Spezialisten bis hin zu Psychologen – arbeiten mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2020)