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Glosse

Corona-Kommunikation: Ein Tag in neun Szenen

Thema: Homeoffice, Bonn, 26.03.2020. Bonn Deutschland *** Subject Home office, Bonn, 26 03 2020 Bonn Germany Copyright:
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Die 500 Freiminuten des Telefonanbieters hat man im März zum ersten Mal aufgebraucht, dazu sechs neue Kommunikations-Apps heruntergeladen. Trotzdem fehlt sie, die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht.

Mit der Corona-Krise kamen neue Apps auf das eigene Handy. Whatsapp, Signal und Facetime hatte man bereits vorher, nach dem 13. März sind Zoom, Telegram, Google Hangouts, Skype und Slack hinzugekommen. Seit ein paar  Tagen hat man auch noch Jitsi, manche wollen das lieber verwenden als Zoom. Man wird die Kommunikations-Apps  brauchen. Die 500 Minuten gratis telefonieren, die im Handyvertrag inkludiert sind, klingen absurd viel. Bisher hat man sie nicht annähernd gebraucht. Bis März, da waren sie dann weg. Im April wird es nicht anders sein.

Man kommuniziert viel in diesem Ausnahmezustand. Ein typischer Tag in neun Szenen:

9:15 Uhr, Zoom, Conference Call ohne Video mit den Kollegen von Abteilung A: Die Themen: der Tagesplan, Corona, die Arbeitsaufteilung und Wochenenddienste, Corona, Tierarztbesuch und Gartenarbeit, Corona. Zum Abschied wünschen die Kollegen einander: „Bleibt gesund.“

11:00 Uhr, Zoom, Conference Call mit Video mit den Kollegen von Abteilung B: Aktuelle Themen werden kurz abgehandelt, längere Pläne für „nachher“ geschmiedet. Corona selbst ist kaum Thema. Eine Kollegin geht immer noch ins Büro, sie ist ja dort jetzt allein. Man vergisst zu fragen, ob sie die Pflanzen gießen kann.

13:20 Uhr, Slack: Eine rasch hingeschriebene Bemerkung wird von dem Kollegen anders aufgenommen als gemeint. Ein Streitgespräch entwickelt sich, geführt über die Tastatur. Gerne würde man dem Kollegen vorschlagen: „Komm, gehen wir auf einen Kaffee. Ich glaub, du hast mich falsch verstanden, ich will das kurz erklären ...“ . Stattdessen schreibt man: „Ich glaube, es ist sinnlos, das hier zu diskutieren.“

14 Uhr, Slack: „Geht’s nur mir so oder vergeht die Zeit im Home Office wirklich schneller“? tippt der Chef. Das Nicken vor dem Bildschirm sieht niemand. Man postet ein Daumen-hoch-Emoji.

16:30 Uhr, Slack: Feierabend. Es bleibt das Gefühl, viel getan und wenig geschafft zu haben.

16:35 Uhr, Whatsapp und Signal: Endlich kommt man dazu, die Fotos anzusehen, die Freunde und Familie geschickt haben. Kinder-Bespaßung und Salatpflänzchen. Alle versuchen, „das beste aus der Situation“ zu machen.  

17:30 Uhr, Facetime, Videotelefonat mit den Eltern: „Gibt’s was Neues?“ Nein. Gemeinsam überlegt man, was man morgen kochen könnte, ohne dass man dafür einkaufen gehen müsste.

21:00 Uhr, Jitsi, mit Freunden „auf ein Bier": Man prostet einander virtuell zu, das war auch schon einmal lustiger. Die Freundin, die allein lebt, erzählt, dass sie Streifzüge durch die leere Stadt unternimmt. Der Freund verabschiedet sich um 23 Uhr, er muss noch arbeiten. Zwei Mal fällt einem das Handy runter. Der Akku läuft heiß.

23:30 Uhr: Mit der Zahnbürste in der Hand geht man einen Sprung auf den Balkon (welch ein Glück, einen zu haben). Die Nacht ist kalt und klar, kein Flugzeug am Himmel. Die Straßen sind leer. Kurz hat man den Impuls zu schreien.