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Nachruf

Little Richard: Er war die Queen des Rock'n'Roll

Little Richard 1956, zur Entstehungszeit seiner größten Hits – wie „Tutti Frutti“ oder „Long Tall Sally“.
Little Richard 1956, zur Entstehungszeit seiner größten Hits – wie „Tutti Frutti“ oder „Long Tall Sally“.(c) Lu Wortig / picturedesk.com
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Der US-amerikanische Rock'n'Roll-Pionier Little Richard ist tot. Mit Hits wie „Tutti Frutti“ und „Long Tall Sally“ ebnete er den Weg für neue Genres. Zeitlebens pendelte er zwischen der Musik und religiösem Rückzug.

„Ich sang „Tutti Frutti“ schon jahrelang live. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, es auch aufzunehmen“, offenbart Little Richard in seiner autorisierten Biography von Charles White. Es verdankt sich einer zunächst fruchtlosen Session im September 1955, nach der er ein paar Takte der Nummer in die Tasten haute. Cosmio Matassa, der legendäre Studioboß aus New Orleans, wusste in der Sekunde, dass damit Umsatz zu machen ist. Der dynamische Groove und das kreischend gesungene, onomatopoetische „A wob bopa loom alop bam boom Tutti frutti au rutti“ katapultierten sich noch ins müdeste Gemüt. Ein Klassiker des Rock´n´Roll war geschaffen.

„Elvis mag der König des Rock 'n' Roll sein, aber ich bin die Königin.“

Little Richard

„Tutti Frutti“. Gleichzeitig war der Song, der sich nach Veröffentlichung drei Millionen Mal verkaufte, ein Instrument der Folter für Little Richard, wurden ihm doch die Verlagsrechte dafür von seinem damaligen Label Speciality für nebbiche 50 Dollar abgekauft. Eine Tragödie für junge Performer wie Richard, der jung, unerfahren und wenig ausgebildet war. Es war die berühmte „School of hard knocks“, die diesen Mann formte, die Schule der harten Schläge. Mehr Geld für den Künstler schaute dann auf den Tourneen heraus. Als „Tutti Frutti“ die R&B-Charts hochschoss, wurden weiße Kollegen aufmerksam. Pat Boone coverte den Song und auch Elvis Presley. Und natürlich Peter Kraus, der das Lied auf Deutsch aufnahm. Aber erst, nachdem die eindeutig erotischen Originalzeilen „Tutti Frutti, good booty, if it don't fit, don't force it. You can grease it, make it easy” verharmlost wurden. Jetzt hieß es „Tutti Frutti, all rooty!“.

Mochte man dem am 5. Dezember 1932 in Macon, Georgia als Richard Wayne Penniman geborenen Pianisten und Sänger auch copyrightmäßig berauben, als exzentrischen Showstar und prinzipiellen Architekten des Rock'n'Roll konnte ihn niemand hemmen. Allein 1955 glückten Little Richard sechs Hits. Darunter „Long Tall Sally“, das dann gemeinsam mit „Tutti Frutti“ auf Richards famosem Debütalbum „Here´s Little Richard“ zu finden war. Das Album kam auf Platz 13 der Billboard Charts. Das war eine hohe Position, weil damals die Musik in den USA noch stark nach Rassen getrennt rezipiert wurde. Little Richard war nun 25, aber schon ein Showbizveteran. Entdeckt wurde er von der Gospel- und Jazzsänger Sister Rosetta Tharpe.

Androgyn. Inspiriert wurde Little Richard allerdings eher von teuflischer als von kirchlicher Musik. Ike Turners rumpeliger R&B-Hit „Rocket 88“ sorgte für die Initialzündung. Von Beginn an bestach er durch Energie in der Performance und androgyne Exzentrik, wie sie später auch Prince kultivierte. Und da war noch seine markante Frisur, der immer wieder neu gestylte Pompadour. Little Richard zählt neben Chuck Berry, Elvis Presley und Jerry Lee Lewis zu den Granden des Rock´n´Rolls. Trotz grandioser Alben wie „The Explosive Little Richard“ und „The Second Coming” nahm er vergleichsweise wenig auf. Jetzt starb er, der u. a. Idol von Paul McCartney und Keith Richards war, mit 87 Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2020)

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