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Biomechanik: Die Farben der Sieger

Biomechanik Farben Sieger
Bolt(c) EPA (FILIP SINGER)

Dass Schwarze rascher rennen und Weiße flotter schwimmen, liegt am Bau ihrer Körper. Die letzten 25 Rekordhalter im 100-Meter-Sprint waren schwarz, die Weltrekorde im 100-Meter-Freistil halten seit 1922 Weiße.

Wer sich die Überlegenheit der schwarzen Läufer und der weißen Schwimmer vor Augen führt – die letzten 25 Rekordhalter im 100-Meter-Sprint waren schwarz, die Weltrekorde im 100-Meter-Freistil halten seit 1922 Weiße –, der kommt nicht umhin, in Schwarz und Weiß zu denken, früher sprach man von „Rassen“. Das ist verpönt, mit gutem Grund, aber es hilft ja nicht, Schwarze rennen rascher, Weiße schwimmen flotter.

Warum? Weil ihre Körper unterschiedlich gebaut sind, von der Gestalt bis ins Detail der Muskeln. Letzteres weiß man schon: Schwarze beherrschen nicht nur den Sprint, sondern auch die Langstrecken. Aber es sind andere Schwarze: In der Ausdauer sind die Ostafrikaner unschlagbar, in der Schnellkraft die Westafrikaner bzw. die Erben der Sklaven in Amerika. Sie haben andere Muskeln: Es gibt zwei Typen, I und II, die leisten Verschiedenes, Typ II gibt Ausdauer, aus ihm bestehen die Muskeln der Ostafrikaner zu 90 Prozent (die der Westafrikaner zu 67 % aus Typ I).

Aber warum sind sie überall schneller? Und werden sie immer noch schneller? Weil sie immer größer werden, Jordan Charles (Duke University) hat es im Vorjahr bemerkt. Daran knüpfen nun Adrian Bejan (Duke University, weiß) und Jordan Charles (Cornell, schwarz) an, mit Bauchweh bezüglich der Rassen, aber sie sind schließlich Biomechaniker. Ihnen fiel auf, dass der Schwerpunkt des Körpers bei Schwarzen höher liegt, sie haben längere Beine und einen kürzeren Torso. In der Sitzhöhe sind sie drei Zentimeter kleiner als Weiße, das bringt ihren Schwerpunkt drei Prozent höher hinauf.

Und das bringt 3,7 Prozent mehr Geschwindigkeit: „Bewegung ist im Grunde ein Prozess des Nach-vorne-Fallens“, erklärt Bejan, „und Masse, die von höher fällt, fällt rascher.“ Deshalb sind Schwarze hurtig, den Weißen hingegen bringt ihr längerer Torso Vorteile beim Schwimmen: Ihr Schwerpunkt liegt tiefer, sie bringen den Oberkörper weiter aus dem Wasser und machen damit mehr Wellen, auf denen sie dann reiten (International Journal of Design and Nature and Ecodynamics, 12.7.).

 

Kultur überlagert nur

Natürlich ist die Natur nicht alles, Jones – der Schwarze im Team – erinnert sich daran, dass er und andere als Kinder nicht zum Schwimmen ermutigt wurden. Aber damit kommt man um das Problem nicht herum, Bejan/Jones suchen die Lösung in der Unterscheidung zwischen „Rasse“ – die sie als „soziales Konstrukt“ ablehnen – und „phänotypischen Differenzen als noch nicht gut verstandenen Anpassungen an verschiedene Umwelten“. Gewundener geht es nicht, aber es passt schon: In Ostafrikas Savannen muss man lange laufen, in Westafrikas Wäldern rettet Schnelligkraft vor Gefahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2010)