Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Zubereitete Fremde.
Einsichten eines Fotohistorikers

Lob der Ansichtskarte! Vom Reisen auf dem Wohnzimmertisch

Mit dem Finger auf der Landkarte: Auf dieses bescheidene Format ist unsere Reiselust derzeit zurechtgestutzt. Man kann aber auch in Urlaubsgrüßen vergangener Tage wühlen. Einsichten eines Fotohistorikers.

Zum ersten Mal nach China reiste ich im Volksschulalter, den Nordpol, die Mongolei, Kanada, Südafrika, Alaska und Neuseeland besuchte ich wenig später, und es sollten noch viele weitere Länder- und Städtereisen folgen. Die meisten Ziele waren weit entfernt, fremd anmutend und mir nur vom Hörensagen bekannt. Das Kinderspiel ging so: „Warst du schon einmal in . . . Brasilien?“ „Nein?“ „Ich schon – mit dem Finger auf der Landkarte.“ Der Schulatlas meiner Schwester schlug unendlich viele Reiseziele rund um den Globus vor: Island und Madagaskar, Afghanistan und Bolivien, Hawaii und Mauritius.

Es ist gewiss kein Zufall, dass mir dieses Kinderreisespiel gerade jetzt wieder einfällt, da die Grenzen vieler Länder bis auf Weiteres geschlossen sind. Und es gibt noch ein weiteres imaginäres Reisespiel, das ich als junger Erwachsener zu spielen begann und das mich bis heute begleitet: das Reisen in Ansichtskarten. Untergebracht sind diese Fundstücke, die ich lange Zeit auf Flohmärkten und bei Trödlern fand und in der jüngeren Vergangenheit im Internet, in einer großen Kartonkiste mit ausziehbaren Laden. Ich tauche ein in diesen Bilderberg der geballten Fremde und lasse mich in der Fantasie treiben, in Weltgegenden, in denen ich nie war. Ich besuche Städte und Landschaften, ersteige Berge und reise auf Flüssen, ich überschreite Grenzen, die ich nie zuvor überschritten habe. So wie im weit entrückten Spiel aus Kindertagen führt mich auch hier der Zufall, er zieht Reisewege von Kontinent zu Kontinent, von Stadt zu Stadt. Zickzack.