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Analyse

Die Kunstbranche kämpft ums Überleben

Die Galerie Kovacek & Zetter hat zum Gallery Walk die Anselm-Glück-Schau eröffnet. Zu sehen ist etwa das Werk „Gegenbesuch (fliegender Maskenwechsel)“.
Die Galerie Kovacek & Zetter hat zum Gallery Walk die Anselm-Glück-Schau eröffnet. Zu sehen ist etwa das Werk „Gegenbesuch (fliegender Maskenwechsel)“.(c) Kovacek & Zetter
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Trotz der Wiederöffnung von Galerien und Kunsthandel werden viele ohne staatliche Hilfe und längerfristige Förderung auf der Strecke bleiben. Die Branche macht mobil und steigert den Druck auf die Regierung.

Die österreichische Kunstszene macht mit zwei Gallery Walks auf sich aufmerksam. Denn sie kämpft ums Überleben. Der Vienna Gallery Walk, der von der Gründerin der V&V Galerie, Veronika Schwarzinger, veranstaltet wird und bei dem vorrangig der Kunsthandel vertreten ist, hat am Donnerstag und Freitag stattgefunden. Am 5. und 6. Juni folgt ein Gallery Walk der zeitgenössischen Galerien, an dem erstmals nicht nur Wiener Galerien, sondern Galerien in ganz Österreich teilnehmen sollen.

Mit zwei Gallery Walks wollen Galerien und Handel zu realen Besuchen motivieren.

Lebenszeichen. „Wir wollten ein Lebenszeichen setzen. Die Kunsthändler und die Galerien sind wieder geöffnet, aber sie dürfen keine Vernissagen machen. Deshalb haben wir beschlossen, den ohnehin geplanten Gallery Walk ohne Führung zu machen“, sagt Schwarzinger. Viele Galerien haben anlässlich des Gallery Walks neue Ausstellungen gehängt. „Bisher waren die Aktivitäten auf online beschränkt und wir wollen darauf aufmerksam machen, dass man die Galerien wieder real besuchen kann“, so Schwarzinger. Die Lage der Kunstbranche bezeichnet sie als schwierig. „Galerien, die gut verankert sind, haben ein gewisses Auslangen, aber bei vielen ist es eine echte Katastrophe. Die staatlichen Hilfen sind kompliziert und viele haben nicht einreichen können“, so die Galeristin.

In einem offenen Brief fordern die Galerien dringende Hilfe für die Kunstszene.

Ähnliches sagt Galerist Martin Janda: „Wien hat eine hohe Dichte an Galerien, die es nächstes Jahr nicht mehr geben wird, wenn es keine Unterstützungen gibt.“ Der Regierung sei die Kultur bisher nicht viel wert gewesen, moniert Janda. „Die Kunst ist wichtig für die Gesellschaft und den Zusammenhalt. In Österreich ist sie auch ein großer Wirtschaftsfaktor.“ Österreich habe bisher keine gute Struktur. So gebe es nicht genügend Ankaufsbudgets der Museen, sagt Janda. Er hat einen gemeinsamen offenen Brief der beiden Galerienverbände, Die Galerien, Verband österreichischer Galerien moderner Kunst, und der ARGE Österreichische Galerien, an Ulrike Lunacek initiiert, bevor diese am Freitag als Kulturstaatssekretärin zurückgetreten ist. Gefordert wird: „Die Einrichtung eines Notfallfonds für österreichische Galerien in einer namhaften Höhe, für Ankäufe der öffentlichen Museen von Künstlern und Künstlerinnen bei den österreichischen Galerien. Und eine Projekt- und Ausstellungsförderung von Online-Ausstellungen als kurzfristige Maßnahme während der Coronakrise.“

Langfristig, um nach der Krise wieder einen Markt aufbauen zu können, sei die steuerliche Absetzbarkeit von Kunstkäufen auch für Private und Firmen im Ausmaß von 20.000 Euro pro Jahr und die Weiterentwicklung und Erhöhung der Messeförderung für internationale Messebeteiligungen vonnöten. „Wir haben durch Corona eine Gesundheits-, eine Wirtschafts- und eine Stimmungskrise. Es muss wieder Optimismus zurückkehren“, betont Janda. „Es ist unser großes Interesse, dass sich die Galerienszene positiv weiterentwickelt“, ergänzt der Galerist.

Ein pessimistisches Bild zeichnet auch Galerist Ernst Hilger. „Diese Krise ist eine extreme finanzielle Belastung. Bis auf ein paar Stammkunden kauft niemand.“ Das sei auch für die Künstler ein riesiges Problem. „Österreich ist ein Kulturland, das sollten wir nicht verspielen“, betont Hilger. Die wichtige Frühjahrssaison mit den vielen Messen ist ausgefallen. Der Galerist glaubt auch, dass viele Messen im Herbst nicht oder nur eingeschränkt stattfinden werden, weil internationale Galerien und Besucher nicht frei reisen können.

Tatsächlich sind Messen für den Handel sehr wichtig. Laut Art Basel Art Market Report 2020 wurden im Vorjahr auf Messen 16,6 Milliarden Dollar umgesetzt. Der Anteil der auf Messen erzielten Umsätze ist in den letzten zehn Jahren von 30 auf 45 Prozent gestiegen. Gerade für die österreichischen Galerien, die einen Großteil des Geschäfts international machen, sind diese Ausfälle schwer zu verkraften. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Messen die Vorabzahlungen nur zu einem geringen Teil rückerstatten.

„Die meisten Messen verlangen drei bis vier Monate vor dem Event die volle Messegebühr. Wir haben im Schnitt davon nur ein Viertel zurückbekommen. Der Rest wird schon für die nächste Messe einbehalten. Doch das übt zusätzlichen Druck auf die Liquidität aus“, beklagt Hilger.

Bei den großen Messen wie der Art Basel oder der Frieze sei die Handhabe sehr kulant, sagt Janda. Die abgesagte Frieze New York etwa habe trotz einer Onlinemesse die gesamten Kosten rückerstattet. Für diese großen Messen geht es wohl auch ums Image.

Logistik leidet mit. Nicht nur die Galerien sind betroffen, auch der Logistiksektor der Kunst leidet. „Wir hatten ab Mitte März quasi über Nacht einen Totalausfall“, berichtet Birgit Vikas, Geschäftsführerin von Kunsttrans. „Unsere Hauptzeit ist von März bis Juni und dann wieder im Herbst. Alle Messen und Ausstellungen waren plötzlich weg. Es werden uns heuer sicher sechs Monate Geschäft fehlen“, sagt Vikas.

Seit letzter Woche fahre man wieder mit etwa zehn Prozent des normalen Umsatzes. „Wir haben das Glück, dass wir vor einigen Jahren als zweites Standbein die Kunstdepots eröffnet haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2020)