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Psychokrieg auf dem Tenniscourt

Die Sportsender vertreiben den Tennisfans die Zeit mit Klassikern aus der Konserve.

Im Vorjahr lag die Republik im Thiem-Tennisfieber. Runde um Runde rang der Niederösterreicher die Konkurrenz nieder, und er trotzte Wind und Regen, bis im Endspiel neuerlich bei Rafael Nadal Endstation war. Für heuer war Revanche angekündigt. Die müsste spätestens im Oktober über die Bühne gehen, wenn Blätter aus dem Bois de Boulogne und Windböen über den Platz wirbeln. Danach wären es per definitionem keine French Open mehr.

Derweil vertreiben die Sportsender den Tennisfans die Zeit mit Klassikern aus der Konserve. So fragte Eurosport nach den denkwürdigsten Matches im Stade Roland Garros. Klar, dass für die rot-weiße-rote Sportnation der erste – und bis dato einzige – Grand-Slam-Sieg eines Österreichers dazuzählt: von Thomas Muster, der Tennismaschine aus der steirischen Toskana.

Für Feinspitze gehört neben Björn Borg und den schwedischen Matadoren, neben Ilie Nastase, Yannick Noah und John McEnroe auch Michael Chang gegen Ivan Lendl zu den Must-see-Matches. Ein Duell wie David gegen Goliath, bei dem Chang „Ivan den Schrecklichen“ mit Mondbällen und im fünften Satz mit Kinderaufschlägen von unten zermürbte. Zum Ende des Kalten Kriegs war dies 1989 ein klarer Fall von Psychokrieg – und für alle Anfänger so etwas wie ein Alibi und eine Rehabilitierung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2020)