Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

I love you, Philipp Morris: Zu schwul für die USA

schwul fuer
  • Drucken

Die Verfilmung eines unglaublichen, aber wahren Falls: Jim Carrey gefällt als Trickbetrüger, der sogar seinen Aids-Tod vortäuschte. Es dauerte ein Jahr, bis sich – trotz Stars – ein Verleiher in den USA fand.

Es beginnt mit einem konservativen US-Familienidyll: Ein braver Polizist mit Frau und Kind führt in Virginia ein friedliches Dasein zwischen Kirchenchor und Kleinstadtgemütlichkeit. Nebenbei nutzt er berufliche Vorteile, um seine unbekannte Mutter zu suchen – er ist Adoptivkind. Aber als die endlich Gefundene nichts von ihm wissen will, zieht er nach Florida, um „den amerikanischen Traum zu leben“. Dort sieht man ihn bei begeistertem Sex – doch als sich der Kopf seiner vermeintlichen Partnerin ins Bild hebt, blickt man einem bärtigen Mann ins Gesicht.

Dazu fragt die Erzählerstimme: „Habe ich schon erwähnt, dass ich schwul bin?“ I Love You, Phillip Morris ist eine Tragikomödie, die sich ganz der Perspektive seiner Hauptfigur verschreibt: Steven Jay Russell ist ein gewiefter Trickbetrüger mit dem Spitznamen „King of Con“, der derzeit eine 144-jährige Haftstrafe absitzt. Seine unglaubliche, aber wahre Geschichte schildert das Regiedebüt von Glenn Ficarra und John Requa, bekannt als Drehbuchautoren des hinterfotzigen Weihnachtsfilms Bad Santa. Auch diesmal treiben sie angelegentlich Scherz mit der Überschreitung von Geschmacksgrenzen und der Persiflage diverser heiliger Kühe, aber das tatsächliche kreative Zentrum des Films ist Hauptdarsteller Jim Carrey.

 

Chuzpe, Charme und Schauspielerei

Der Verkleidungs- und Verstellungskünstler Russell ist eine ideale Rolle für den Komiker, der mit Enthusiasmus und Energie, wenn auch weniger Hysterie als bisweilen, eine Serie von Täuschungsmanövern durchzieht. Eigentlich handelt I Love You, Phillip Morrisvon Schauspielerei: Porträt eines Mannes, der in jede Rolle schlüpft. Die Inszenierung seiner Abenteuer ist flott, chic und etwas korrupt: Chuzpe und Charme der Hauptfigur sollen die Zuschauer umgarnen, gerade dann, wenn sie an der Nase herumgeführt werden. Immer wieder korrigiert der Held und Erzähler hinterrücks die Handlung, was den hochgeputschten, aber holprigen Vorwärtsdrall der Erzählung verstärkt.

Vielleicht ist Russells Geschichte auch zu ergiebig: Seinem Coming-out folgt die Erkenntnis, dass das schwule Leben gar kostspielig ist – jedenfalls so, wie er es praktiziert. Also wird er Betrüger, landet bald im Gefängnis, trifft da die Liebe seines Lebens: Phillip Morris (Ewan McGregor als süßer, neben Carrey etwas blasser Blondschopf).

Zur Finanzierung eines sorgenlosen Zusammenseins treibt Russell unverschämte Spiele: Mit gefälschtem Lebenslauf – die Anrufe zur Bestätigung der Referenzen beantwortet er selbst – wird er Finanzchef im Gesundheitsmanagement. Er begeistert mit erfundenen positiven Prognosen, zweigt indes Zinsen ab: In der Episode gelingt das satirische Bild der Erfolgsgesellschaft, in der ein gefälliger Auftritt die Leere verbirgt. Russells wiederholte Verhaftungen führen zu immer erfinderischen Ausbruchsversuchen. Die romantischen Intermezzi wirken inmitten von Karikaturen aber leicht deplatziert. Mit Russells größtem Coup wird vollends ein tragisches Register vorgetäuscht: Er gaukelt den Behörden vor, an Aids erkrankt – und schließlich daran verstorben – zu sein.

Nicht dieser Tabubruch hat dem Film offenbar Probleme eingetragen, sondern dass er eine schwule romantische Komödie sympathisch selbstverständlich erzählt (dass es sich freilich um ein gar nicht gewöhnliches Paar handelt, verrät wieder einiges über die Widersprüche, die die Macher nebenbei unter den Teppich kehren).

 

Trotz Stars nicht in den US-Kinos

Obwohl I Love You, Phillip Morris schon 2009 in Sundance und Cannes vorgestellt wurde, dauerte es ein Jahr, bis sich – trotz Stars – ein Verleiher in den USA fand. Ursprünglich sollte der Film dort am Valentinstag starten, es wurde immer wieder verschoben, zuletzt auf kommenden Herbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2010)