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Plattenkritik

Weicher Groove mit Katzenhaaren

Es ist, was es ist – sagt Thundercat, 1984 als Stephen Lee Bruner in Los Angeles geboren.(c) Eddie Alcazar
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Thundercat, Held des neuen Westcoast-Funk, gibt sich auf seinem vierten Album „It I What It Is“ ungewöhnlich zart.

Die besten Ideen für seine versponnenen Songs hat Thundercat, wenn er auf der Couch liegt und mit Tron, seiner Katze, Manga-Zeichentrickfilme schaut. Er blickt ihr dann tief in die Augen und klagt über das Leben. Das freilich für ihn in den vergangenen fünf Jahren viel Gutes gebracht hat. Immerhin hat er als Komponist, Produzent und Instrumentalist epochale Alben wie Kamasi Washingtons „The Epic“ und Kendrick Lamars „To Pimp A Butterfly“ wesentlich mitgestaltet und mit seiner aus 23 Stücken bestehenden Suite „Drunk“ einen Klassiker unter eigenem Namen herausgebracht.

Drei Jahre später folgt nun das charmant verschlafene „It Is What It Is“, eine Sammlung recht exzentrischer Klangszenerien. Miniaturen und Songfragmente, die bald kosmisch wabern, bald funky peitschen. Tron kommt auch vor, wenngleich nur indirekt in einem Flirt mit einer Dame. „Dragonball Durag“ heißt der charmante Song, wo die Katze zur Komplizin wird: „I may be covered in cat hair, but I smell good“, erklärt Thundercat – und fragt die Angebetete unablässig, wie ihr sein afrikanisches Kopftuch gefällt . . .

Direkt gesellschaftspolitische Aussagen, wie sie nach dem brutalen Tod von George Floyd nun in aller Munde sind und wie sie auch Kendrick Lamars Schaffen prägen, vermeidet Thundercat in seinem Solowerk. Solche Negation unerfreulicher Zustände hat in der afroamerikanischen Kunst Tradition. Man denke an Sun Ra, der seine Visionen einer besseren Welt schon in den Fünfzigerjahren ins Weltall projiziert hat. Solche aufwendigen Manöver unterlässt Thundercat. Er gibt sich lieber offensiv gelassen, predigt Leichtigkeit: „Some things just aren't meant to be understood“, heißt es im Titelsong.

Tiefe Wurzeln im Jazz

Thundercats Musik nährt sich nicht nur von Funk und Fusion der Siebzigerjahre, sondern hat auch tiefe Wurzeln im Jazz. Kendrick Lamar spielte er einmal das spacige Miles-Davis-Stück „Little Church“ vor, was bei beiden Musikern einen unmittelbaren Kreativitätsschub auslöste. Klar, dass die Gäste auf „It Is What It Is“ handverlesen sind. Kamasi Washington würzt das herrlich alberne „Dragonball Durag“ mit Saxofon-Klängen, wie sie Pharoah Sanders für den transzendentalen Freejazz erfunden hat; auf „Black Qualls“ singt Steve Arrington, der seine Karriere eigentlich schon 1987 zugunsten eines Lebens als Priester an den Nagel gehängt hatte. Mit Childish Gambino, Steve Lacy und Ty Dolla Sign lockte Thundercat zudem geistig wendige Altersgenossen an, die ihm helfen, der George Clinton der Gegenwart zu sein: exzentrisch, ungezwungen, zuweilen zu viel Drogen konsumierend. Tröpfelt Ungemach in dieses üppige Leben, dann wird es ausgesessen, wie Thundercat in „Existential Dread“ hingebungsvoll ausführt: „Sometimes existential dread comes ringin' through, loud and clear, I'll adjust and simply let go.“ Es folgt die ätherische Titelnummer, geadelt von der akustischen Gitarre des Brasilianers Pedro Martins.

Rar auf diesem Album sind die erdigen Passagen. Außer „Black Qualls“ haben nur das melancholisch groovende „King Of The Hill“ sowie das versonnen blubbernde „Fair Chance“ gewisse Dancefloor-Qualitäten. Selbst die sind trauerumflort. „Bye bye for now, I keep holdin' you down, even though you are not around“, heißt es in „Fair Chance“, einer Hommage an seinen Freund, den Rapper Mac Miller, der diese Welt mit nur 26 Jahren verlassen hat. Thundercat bleibt und groovt weiter. Und sei es so zart wie hier.

Thundercat: It Is What It Is
Thundercat: It Is What It Is(c) Brainfeeder/Hoanzl